Portrait: Mathis Nitschke - Komponist, Technologe, Unternehmer

16.03.2026

#bayernkreativPORTRAIT:  Musik, Technologie und KI: Für Mathis Nitschke gehören diese Welten untrennbar zusammen.
Im Interview spricht er über interaktive Musik, neue Formen künstlerischer Autorschaft und sein Projekt CORPUS.
Ein Gespräch über die Zukunft kreativer Arbeit zwischen Kunst, Code und Community.

Lineare Kunstformen entsprechen heute oft nicht mehr dem Geist der Zeit – wir leben in einer interaktiven Welt.

- Mathis Nitschke

Lieber Mathis, erzähle mal... Wie bist du zu der Kombination aus Musik, Technologie und Innovation gekommen?

Einen einzelnen prägenden Moment gab es nicht. Ich komme aus einem technisch geprägten Umfeld – mein Vater ist Ingenieur –, und ich habe früh mit Elektronik experimentiert. Musik und Technologie waren für mich nie getrennte Welten, sondern von Anfang an gleichwertige Interessen. Diese Doppelperspektive hat mich auch lange als Toningenieur geprägt.
Eine entscheidende Verschiebung kam erst deutlich später, vor etwa zwölf Jahren, mit der Erkenntnis, dass die Welt fundamental interaktiv geworden ist. Lineare Kompositions- und Kunstformen, aber auch lineare Medien, schienen mir plötzlich nicht mehr dem Geist der Zeit zu entsprechen. Das war der Ausgangspunkt für meine Beschäftigung mit interaktiven Medien und den zugrunde liegenden Technologien und für Arbeiten wie den Hörspaziergang "Vergehen", bei dem Musik nicht mehr nur gehört, sondern räumlich und situativ erlebt wird.

Wie ist Sofilab entstanden, und was war der ursprüngliche Gedanke dahinter?

Sofilab entstand nicht als klassische Unternehmensgründung, sondern zunächst als Versuch, künstlerische Arbeit neu zu rahmen. Der Name existiert seit 2015, als ich begann, meine Projekte um Softwareentwickler zu erweitern und das Bedürfnis entstand, der künstlerischen Urheberschaft eine Form zu geben, die über meine Person hinausweist.
Der Name „Sofilab“ war bewusst gewählt: hell, ambivalent, nicht eindeutig männlich codiert. Er sollte eine Gegenposition zur oft technokratischen und maskulin geprägten Logik der Tech-Welt markieren.
Inhaltlich war Sofilab von Beginn an als Labor gedacht: als Experimentierraum, um gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern zu erforschen, welche Formen des Hörens und der musikalischen Erfahrung in einer nicht-linearen, vernetzten Welt möglich sind. Als Firma wurde Sofilab 2017 gegründet, im Kontext der Mixed-Reality-Oper MAYA, auch aus pragmatischen Gründen der Haftung. Aber der Kern war immer ein forschender, nicht ein kommerzieller Impuls. 

Wie findet ihr die Balance zwischen künstlerischer Freiheit und technischer Innovation?

Ich bin mir nicht sicher, ob man hier überhaupt von einer Balance sprechen muss. Künstlerische Freiheit und technische Innovation stehen nicht im Widerspruch. Das Bild des romantischen Künstlers auf der einen Seite und des rationalen Technikers auf der anderen ist eine kulturelle Projektion, aber keine Realität.
Künstlerisches Arbeiten erfordert eine hohe formale und konzeptionelle Stringenz, ebenso wie organisatorische Präzision. Umgekehrt braucht technische Innovation genau jene Offenheit und Experimentierfreude, die man traditionell der Kunst zuschreibt. In der Praxis durchdringen sich beide Sphären permanent und genau in dieser Durchdringung entsteht produktive Reibung.

Was war der wichtigste Lerninput aus der Cross-Innovation-Reise zur Ars Electronica?

Die Reise war geprägt von vielen interessanten Gesprächen, die ich aus Mangel an Kapazitäten leider nicht konsequent weiterverfolgt habe – etwas, das ich Anfang 2026 bewusst nachholen möchte.
Ein zentraler Eindruck war jedoch auch ein kritischer: Wie schwierig echte Cross Innovation ist. Auf Unternehmensseite waren vor allem Akteurinnen und Akteure vertreten, die selbst aus der Kunst kommen und Firmen gegründet haben. Was fehlte, waren radikal andere Welten, etwa hochspezialisierte Ingenieursunternehmen oder Medizintechnikfirmen –, in denen wirklich fremde Logiken aufeinandertreffen.
Mein Eindruck war: Die Kunst hat oft mehr Hoffnung an die Industrie als umgekehrt. Künstlerinnen und Künstler interessieren sich stärker für industrielle Kontexte als Industrien für künstlerische Denkweisen. Diese Asymmetrie halte ich für eine der zentralen Herausforderungen von Cross Innovation.

Was hat dich zur Entwicklung von CORPUS inspiriert?

CORPUS entstand aus einer Frustration. Ich habe mich seit 2018 intensiv mit Machine Learning beschäftigt, ein eigenes Projekt realisiert und war sowohl technisch als auch künstlerisch unzufrieden. Ein Kernproblem war das fehlende, qualitativ sinnvolle Trainingsmaterial für KI-Modelle.
Nach dieser Erfahrung habe ich meine KI-Arbeit zunächst pausiert und mich mit Blockchain-Technologie, DAOs (Anmerkung der Redaktion: DAOs sind dezentral organisierte Gruppen auf einer Blockchain, deren Entscheidungen durch Code und Mitgliederabstimmungen statt durch eine zentrale Leitung getroffen werden) und Smart Contracts beschäftigt. Dort wurde mir klar, dass Lizenzsysteme nicht nur rückwirkend vergüten, sondern auch vorauswirkend Anreize setzen: Sie strukturieren Verhalten und kollektives Handeln.
Die entscheidende Frage war dann: Ist es möglich, ein Lizenz- und Anreizsystem zu entwickeln, das eine globale Musikcommunity motiviert, gemeinsam eine Musikbibliothek aufzubauen – als Grundlage für gemeinschaftlich trainierte KI-Modelle, deren ökonomischer Nutzen wiederum an diese Community zurückfließt?
Diese Frage war die Geburtsstunde von CORPUS.

Wie kann Technologie Musikerinnen und Musikern mehr Kontrolle über ihre Werke ermöglichen?

Technologie ist hier kein Selbstzweck, sondern Infrastruktur. CORPUS versteht sich als Protokoll – also als System von Regeln und Automatismen, denen man vertrauen kann. Ziel ist eine Plattform, die verlässlich, transparent und perspektivisch auditierbar ist.
Das zentrale Versprechen ist nicht nur technische Kontrolle, sondern ökonomische Teilhabe: CORPUS entwickelt Produkte und Anwendungen, deren Wertschöpfung an die beteiligten Musiker zurückfließt. Die organisatorische Komplexität eines solchen Systems wird erst mit wachsender Größe wirklich relevant, aber genau darin liegt der langfristige Anspruch.

Wie hat sich dein Verständnis von künstlerischer Arbeit verändert?

Neue Medien verdrängen alte Medien nicht, sie verändern deren Funktion. Musik wird heute seltener linear gehört, dafür zunehmend als etwas erlebt, mit dem man interagiert – nicht nur als konsumierbares Werk, sondern als Beziehung.
Die offene Frage ist für mich die Rolle der Autorschaft in interaktiven Systemen. Ich möchte nicht, dass Autorschaft verschwindet, aber ich finde es schwer, sie in nicht-linearen Werken präzise zu fassen. Die Gaming-Industrie ist hier weiter, aber auch ich merke, wie stark mein Denken durch lineare Musiktraditionen geprägt ist.
Mich interessieren vor allem Formen des räumlichen und generativen Hörens, von Klanglandschaften über interaktive Hörspaziergänge bis hin zu nicht-verbaler Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Die Idee, dass Maschinen kontextsensitiv über Klang reagieren, halte ich für eine der spannendsten Perspektiven, die nur über KI-Systeme erschließbar ist.

Welche Rolle wünschst du dir für Künstlerinnen und Künstler in einem technologisierten Musikmarkt?

Die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern hängt nicht primär vom Markt ab, sondern von gesellschaftlichen Erwartungen. In den letzten Jahren – besonders sichtbar seit der Corona-Krise – hat sich der gesellschaftliche Stellenwert von Kunst verschoben. Kunstschaffende werden oft als optionaler „Unterhaltungsfaktor“ wahrgenommen, nicht als ernstzunehmende Stimmen in existenziellen Fragen.
Historisch war das zeitweise anders: In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kunst als Ort gesellschaftlicher Orientierung verstanden. Heute scheinen diese Fragen eher von Technologieunternehmen beantwortet zu werden, während Künstlerinnen und Künstler kaum noch als relevante Gesprächspartner gelten.
Ich halte das für problematisch. Gerade Fragen wie: Was unterscheidet Menschen von Maschinen? Was ist wichtig im Leben? Was müssen wir lernen, wenn KI so viel kann? – sind Fragen, auf die Künstlerinnen und Künstler Antworten haben. Ich wünsche mir, dass diese Antworten wieder gehört werden.

                                                                                                            Mehr über Mathis erfahren

Die bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft ist vital, kooperativ, vielstimmig und zukunftsrelevant. Wir stellen dir bayerische Akteurinnen und Akteure vor. Wie gestaltet sich deren Geschäftsmodell? Was treibt sie an?

Du möchtest uns auch gerne ein paar Fragen beantworten und Teil unserer Kampagne „bayernkreativPORTRAIT“ sein? Dann schreibe uns gerne eine E-Mail an kontakt@bayern-kreativ.de mit dem Stichwort „bayernkreativPORTRAIT“.