Portrait: Julia Rinderle – Pianistin
08.01.2025
#bayernkreativPORTRAIT: Pianistin Julia Rinderle erzählt, wie aus früher Begeisterung ihre künstlerische Berufung wurde. Sie berichtet über das Allgäu als Inspirationsraum, über Musik als Sprache der Begegnung und ihr Engagement für neue Perspektiven in der klassischen Musik. Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihre vielseitige Arbeit als Solistin, Dozentin und Festivalleiterin. Neugierig geworden? Das vollständige Interview gibt spannende Einblicke in Klang, Leidenschaft und Berufung.
Schon als Kind war das Klavier für mich ein Rückzugsort – ein Raum, in dem ich mich gleichzeitig frei und konzentriert fühlte.
- Julia Rinderle
Liebe Julia, du hast früh mit dem Klavierspiel begonnen und dich schnell auf den Weg zur Professionalisierung begeben. Gab es einen bestimmten Moment, in dem dir klar wurde, dass Musik nicht nur deine Leidenschaft, sondern auch dein Beruf sein wird?
Es war kein einzelner Schlüsselmoment, sondern eine Folge vieler kleiner Erlebnisse, in denen mir bewusst wurde, wie selbstverständlich Musik zu mir gehört und wie nah sie meinem Herzen ist. In meiner Familie wurde viel musiziert: Meine Mutter ist Sängerin, meine Geschwister haben Klavier, Saxophon und Oboe gespielt. Ich habe ihnen immer gerne beim Spielen zugehört. Schon als Kind war das Klavier für mich ein Rückzugsort – ein Raum, in dem ich mich gleichzeitig frei und konzentriert fühlte. Irgendwann wurde mir klar, dass ich dieses Gefühl nicht nur für mich behalten, sondern mit anderen teilen möchte – und dass das genau das ist, was ich beruflich tun will.
Du bist im Allgäu aufgewachsen, einer Region, die viele vor allem mit Natur und Ruhe verbinden. Inwiefern hat dieser Ort deine musikalische Wahrnehmung geprägt?
Das Allgäu hat mich stark geprägt – durch die Schönheit der Natur, ihre Weite, die im Frühling und Sommer so unglaublich grünen Wiesen und Felder und diesen besonderen Wechsel zwischen Nähe und Ferne.
Auch für meine Klangvorstellung und die Interpretation bestimmter Passagen war die Natur immer eine große Inspirationsquelle: das lange Nachhallen in den Bergen, der rhythmische Wechsel der Jahreszeiten, das veränderte Licht – all das schenkt Ideen für die Gestaltung von Musik.
Diese Ruhe und gleichzeitig Tiefe versuche ich auch in der Musik zu finden – im Klang, im Atem, in der Zeit zwischen den Tönen.
Mit dem Verein „Klangperspektiven Allgäu e. V.“ hast du nicht nur eine Plattform für spannende künstlerische Positionen geschaffen, sondern auch ein kulturelles Zeichen in deiner Heimatregion gesetzt. Was hat dich bewegt, dieses Festival ins Leben zu rufen, und was möchtest du den Menschen mitgeben, die die Konzerte besuchen?
Den Verein habe ich aus dem Wunsch heraus gegründet, meiner Heimatregion etwas zurückzugeben – und gleichzeitig einen Ort zu schaffen, an dem neue musikalische Perspektiven entstehen können. Mir macht es Freude, künstlerische Impulse zu setzen, die neugierig machen und die Menschen zueinander bringen.
Ich wünsche mir, dass die Menschen die Konzerte nicht nur als „Kulturveranstaltung“ erleben, sondern als Raum für Begegnung, Nachdenken und Staunen – dass Musik sie im besten Sinn bewegt. Mit den fünf internationalen Meisterkursen, die der Verein „Klangperspektiven Allgäu“ ausgerichtet hat, war das immer wieder möglich. Pianisten und Pianistinnen aus aller Welt haben unter anderem auch in Gastfamilien gewohnt und waren dem Memminger Publikum so ganz besonders nahe.
Neben deiner Konzerttätigkeit engagierst du dich intensiv in der Musikvermittlung, etwa bei „Rhapsody in School“. Warum ist es dir wichtig, klassische Musik gerade jungen Menschen näherzubringen, und was nimmst du selbst aus diesen Begegnungen mit?
Ich finde, Musik ist eine Sprache, die jeder verstehen kann – man muss nur die Möglichkeit bekommen, sie zu erleben. Oft fehlt Kindern dieser erste Kontakt mit der Musik. Des-halb sind Musikvermittlungsprojekte wie „Rhapsody in School“ so wertvoll: Schon ein Impuls, ein Aha-Erlebnis, reicht, und der Zugang zur Musik ist plötzlich da. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen merke ich immer wieder, wie unmittelbar ihre Reaktionen sind, wenn man sie ernst nimmt und ihnen Musik nicht trocken erklärt, sondern erlebbar macht.
Diese Begegnungen sind unglaublich bereichernd – sie erinnern mich selbst daran, warum ich Musik mache: weil sie uns verbindet, egal wie alt wir sind oder woher wir kommen.
In deiner künstlerischen Laufbahn übernimmst du viele Rollen: Solistin, Dozentin, künstlerische Leiterin und Musikvermittlerin. Wo siehst du die größten Herausforderungen im Alltag zwischen künstlerischer Praxis und organisatorischen Aufgaben?
Diese Balance ist sicher eine Herausforderung. Man ist viel unterwegs und verbringt viel Zeit am Laptop – gerade im Alltag zwischen Proben, Konzerten und Organisation.
Auf der einen Seite braucht das künstlerische Arbeiten Offenheit, Zeit und innere Ruhe – auf der anderen Seite verlangen organisatorische Aufgaben Struktur, Effizienz und schnelle Entscheidungen. Ich versuche, beides als Teil desselben Prozesses zu sehen: Organisation als Voraussetzung dafür, dass Kunst überhaupt entstehen kann. Gleichzeitig achte ich sehr darauf, jeden Tag bewusst „zurück ans Klavier“ zu gehen – dorthin, wo alles beginnt.
Gibt es ein Projekt, ein Thema oder eine Idee, die dich aktuell besonders beschäftigt und die du in Zukunft verwirklichen oder weiterentwickeln möchtest?
Mich beschäftigt im Moment besonders, wie wir das reiche, oft übersehene Erbe von Komponistinnen stärker in den musikalischen Alltag integrieren können. In den letzten Jahren durfte ich viele beeindruckende Werke entdecken. Es erfüllt mich mit großer Freude, diese Musik zu erforschen, aufzuführen und in den Dialog mit dem bekannten Repertoire zu stellen. Dabei geht es mir nicht um ein reines „Ergänzen“, sondern um ein erweitertes Verständnis davon, was unsere Musikgeschichte alles umfasst.
Ich möchte weiterhin Projekte entwickeln, in denen diese Perspektive selbstverständlich mitschwingt – sei es in Konzertprogrammen oder in der Arbeit mit Studierenden. Musik von Komponistinnen zu spielen, bedeutet für mich, Klangräume zu öffnen, die lange verschlossen waren – und genau das empfinde ich als eine der schönsten Aufgaben meines Berufs.
Außerdem denke ich momentan viel über die Frage nach, wie wir als Musiker und Musikerinnen neue Formen der Kommunikation finden können – sowohl auf der Bühne als auch darüber hinaus. Ich möchte weiter Projekte entwickeln, die klassische Musik und Gesellschaft stärker miteinander in Dialog bringen: sei es durch spartenübergreifende Formate, Komponistinnen-Porträts oder partizipative Konzertideen.
Die bayerische Kultur- und Kreativwirtschaft ist vital, kooperativ, vielstimmig und zukunftsrelevant. Wir stellen dir bayerische Akteurinnen und Akteure vor. Wie gestaltet sich deren Geschäftsmodell? Was treibt sie an?
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