Digitalisierung in der Pflege? Zukunftsweisend!

26.01.2025

Die Pflege steht vor einem tiefgreifenden Wandel. Digitale Technologien wie KI-gestützte Assistenzsysteme, Telemedizin, Robotik und intelligente Sensorik versprechen Effizienzsteigerungen und eine bessere Versorgungsqualität bei steigenden Herausforderungen wie dem demografischen Wandel und einem Mangel an Fachpersonal. Fragt man Marlene Klemm, Leiterin des Pflegepraxiszentrums (PPZ) Nürnberg, Veranstalter der 8. Konferenz Zukunft der Pflege im März, wie sie die Digitalisierung in der Pflege in einem Wort beschreiben würde, lautet ihre Antwort: „zukunftsweisend“. 

Doch so vielversprechend die digitalen Hilfsmittel sind, so komplex ist oft ihre Einführung. Laufende Prozesse, knappe personelle Ressourcen und begrenzte Kapazitäten erschweren strategische Entscheidungen – insbesondere für leitende Personen. 

Balanceakt der Zukunft

Digitale Tools können Pflegekräfte entlasten, indem sie Routineaufgaben automatisieren, Dokumentationsprozesse vereinfachen und mit innovativen Technologien die Versorgung auf ein neues Level heben. Bereits heute kommen digitale Dokumentationstools, Telemedizin und Telepflege zum Einsatz, die eine engere Vernetzung zwischen Pflegeeinrichtungen und Arztpraxen ermöglichen. KI-gestützte Analysen von Dokumentationen oder Verhaltensmustern helfen, Risiken wie Stürze oder einen aufkommenden Dekubitus frühzeitig zu erkennen. Diese Vorteile sind nicht nur ökonomisch relevant, sondern auch entscheidend für die Sicherheit von gepflegten Personen. 

Die Praxis zeigt, dass nicht jede digitale Lösung komplex sein muss. Tanja Pollak, Projektmanagerin am PPZ Nürnberg, betont: „Digitalisierung fängt bereits bei kleineren Innovationen für die soziale Betreuung an. Sie muss nicht immer groß sein.“ Gerade niedrigschwellige Anwendungen wie Klangkissen, Medikamentenboxen mit Erinnerungsfunktion oder einfache Assistenzsysteme könnten helfen, Hemmschwellen abzubauen und erste positive Erfahrungen zu ermöglichen. 

Doch all den Vorteilen stehen oft auch Hürden entgegen. Eine der größten liegt in der Integration der Technologien in bestehende Strukturen. Pflegeeinrichtungen kämpfen häufig mit heterogenen IT-Systemen, fehlender Interoperabilität und hohen Investitionskosten, die sie zu einem großen Teil selbst tragen müssen. Hinzu kommt der Fachkräftemangel. 

Digitale Lösungen sollen entlasten, erfordern aber zunächst zeitaufwändige Schulungen, Akzeptanz und eine gewisse digitale Kompetenz auf Seiten der Anwendenden.  Klemm berichtet insbesondere bei komplexeren Systemen von einem erheblichen Vorbereitungsaufwand: „Bei elektronischer Pflegedokumentationssoftware ist nicht nur zu klären, wie die neue Technologie funktioniert, sondern auch, wie es mit Datenschutz und IT-Sicherheit aussieht.“ Gerade diese Vorarbeiten seien unverzichtbar, bevor digitale Lösungen überhaupt in den Pflegealltag integriert werden könnten. 

Vision trifft Realität

Das PPZ Nürnberg fungiert als Reallabor für Pflegeinnovationen – digitale Lösungen finden hier immer häufiger ihren Weg in die Praxis. Getestet werden unter anderem Sensorik zur Sturzprävention, VR-Anwendungen zur sozialen Betreuung, digitale Dokumentationssysteme und KI-gestützte Assistenzlösungen. Entscheidend ist dabei das direkte Feedback von Pflegefachkräften und gepflegten Personen. 

Die Erfahrungen zeigen: Erfolgreiche Digitalisierung hängt oft weniger von der Technologie als von der Kultur ab. Einrichtungen, die Pflegekräfte frühzeitig einbinden und transparent kommunizieren, erzielen eine deutlich höhere Akzeptanz. Pollak beschreibt, wie wichtig die Begleitung im Alltag ist: „Wir erklären nicht nur, wie ein Produkt technisch funktioniert, sondern begleiten die Pflegekräfte dabei, wie sie es wirklich in ihren Pflegeprozess integrieren können.“ 

Zudem erleichtern Testzeiträume und Abo-Modelle vieler Anbieter den Einstieg. Klemm begrüßt diese Entwicklung: „Man kann Technologien ausprobieren und Erfahrungen sammeln – denn entscheidend ist immer das Zusammenspiel zwischen Pflegefachkraft, Pflegebedürftigem und Pflegeprozess.“ Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass der Nutzen nicht sofort sichtbar ist: „Am Anfang ist der Arbeitsaufwand oft höher als die Zeitersparnis, die man sich erhofft.“ Transparente Kommunikation sei deshalb ein zentraler Bestandteil. 

Kompetenzen stärken, Rollen neu denken

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Qualifizierung. Zwar rücken zunehmend Digital Natives in den Pflegeberuf nach, dennoch arbeiten viele Pflegefachkräfte seit Jahren analog. Klemm macht deutlich, dass digitale Kompetenz mehr bedeutet als reine PC-Kenntnisse: „Es braucht produktspezifische Einweisungen – ähnlich wie im OP – und die Fähigkeit, Technologien kritisch zu reflektieren.“ Nicht jede Lösung sei für jede pflegebedürftige Person geeignet. 

Vor diesem Hintergrund spricht sich Klemm klar dafür aus, Pflegetechnikexpertinnen und -experten fest in Pflegeeinrichtungen zu verankern. Diese könnten als Multiplikatoren wirken, Schulungen begleiten und Pflegekräfte dort abholen, wo sie mit ihrem jeweiligen Wissensstand stehen. 

Zwischen Fürsorge und Fortschritt

Wie weit darf die Interaktion von Mensch und Maschine auf emotionaler und sozialer Ebene gehen? Arne Manzeschke, Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe an der Evangelischen Hochschule Nürnberg warnt davor, menschliche Emotionen technisch zu vereinfachen oder zu normieren. Die Gefahr bestehe darin, dass der Reichtum menschlicher Beziehungen verloren gehe, wenn Technik scheinbar den leichteren Weg anbietet. 

Auch die Verantwortung bei KI-gestützten Entscheidungen müsse neu gedacht werden. Manzeschke spricht hier von einer Verantwortungslücke: Technische Systeme hätten Handlungsmacht, seien aber keine moralischen Subjekte. Diese Fragen müssten gesellschaftlich ausgehandelt werden – auch im Pflegekontext. 

Was es braucht: Kommunikation und Austausch

Die vielen Hürden und zugleich die Dringlichkeit der Digitalisierung in der Pflege zeigen: Es braucht Austausch. Erfolgreiche Beispiele aus der Praxis können Orientierung geben, Mut machen und zeigen, wie digitale Lösungen sinnvoll und verantwortungsvoll eingesetzt werden können. Gerade für leitende Personen ist es hilfreich, Einblicke in erprobte Ansätze zu erhalten und diese mit den eigenen Rahmenbedingungen abzugleichen. Solche Fragen greifen auch fachliche Austauschformate wie die Konferenz Zukunft der Pflege auf, die am 3. und 4. März 2026 an der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm stattfindet und aktuelle Entwicklungen, Praxisbeispiele sowie übergreifende Fragestellungen der Pflegedigitalisierung zusammenführt. 

Klemm betont, wie wichtig praxisnahe Austauschformate sind: „Es ist extrem hilfreich, wenn Erfahrungen mit bestimmten Technologien auch geteilt werden können. Wir brauchen Orte, an denen aus der Praxis für die Praxis gesprochen wird.“ Solche Räume ermöglichen es, voneinander zu lernen und typische Stolpersteine frühzeitig zu erkennen. 

Auch Pollak sieht den Dialog zwischen unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren als zentral an – zwischen Pflegepraxis, Wissenschaft, Technologieanbietern und weiteren Beteiligten. Nur so lasse sich einschätzen, welche Technologien bereits marktreif sind, welche noch Erprobung benötigen und wie sie konkret in den Pflegealltag integriert werden können. 

Menschlichkeit und Wirkkraft

Die Frage, wie digitale Innovationen wirksam eingesetzt werden können, ohne den menschlichen Kern der Pflege zu gefährden, zieht sich wie ein roter Faden durch den digitalen Wandel. Hier treffen technische Möglichkeiten, organisatorische Entscheidungen und ethische Verantwortung unmittelbar aufeinander. Manzeschke formuliert es zugespitzt: „Wir dürfen unsere Sorgesysteme nicht so gestalten, dass menschliche Zuwendung als entweder ökonomisch nicht mehr leistbar oder technisch ersetzbar erscheint.“ 

Damit digitale Lösungen tatsächlich entlasten und nicht neue Belastungen erzeugen, müssen sie sinnvoll in bestehende Pflegeprozesse eingebettet werden. Auch Pollak unterstreicht diesen Punkt aus der Praxis: Digitalisierung bedeute nicht, Technik einzukaufen, sondern Abläufe kritisch zu hinterfragen. „Ein schlechter Prozess bleibt auch digital ein schlechter Prozess.“ Erst wenn Prozesse klar, reflektiert und an den tatsächlichen Bedarfen ausgerichtet sind, können digitale Technologien ihre Wirkkraft entfalten. 

Zukunftsweisend – und notwendig!

Digitale Innovationen sind das Werkzeug zur Zielerreichung – nicht das Ziel selbst. Neben finanziellen Mitteln sind eine klare ethische Haltung, strategische Planung und Weitsicht notwendig. Für Entscheiderinnen und Entscheider bedeutet das: Technologie muss in den Dienst der Pflege gestellt werden – nicht umgekehrt. Wer diesen Wandel aktiv mitgestaltet, trägt dazu bei, dass die Pflege zukunftsfähig wird, ohne dabei den menschlichen Aspekt aus dem Blick zu verlieren. 

Passend zu diesem Thema findet vom 03. - 04. März 2026 die 8. Konferenz Zukunft der Pflege - Digitale Transformation: smart, sicher, souverän! in Nürnberg statt.

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