Was sind die Hinderungsgründe in Deutschland, dass die Unternehmen oder ein Großteil der Unternehmen keinen Zugang zu solchen Daten hat?
Über alle drei Branchen hinweg war die Meinung einstimmig. Die drei Hauptgründe waren die eingeschränkte generelle Verfügbarkeit und der eingeschränkte Zugang zu solchen vorhandenen Daten. Das heißt, dass es keine einheitlichen Strukturen oder Prozesse gibt, um auf solche Daten zuzugreifen. Als dritter Punkt wurde der Datenschutz beziehungsweise die Datenschutzregularien wie die DSGVO oder andere Gesetze und deren Auslegungen genannt. Die aufgeführten Punkte sind Dinge, die in Gesprächen in den letzten Jahren immer wieder als Hürden beim Zugang zu Gesundheitsdaten oder in der Digitalisierung im Gesundheitswesen generell erwähnt wurden.
Gibt es Länder, in denen es besser als in Deutschland funktioniert?
Hier wurden als Quellen für den Zugang zu Gesundheitsdaten außerhalb Deutschlands die USA und andere europäische Länder benannt. Das heißt, es ist in europäischen Ländern wie zum Beispiel Finnland oder Dänemark, die ja der gleichen EU-Datenschutzverordnung wie Deutschland unterliegen, viel leichter an die benötigten Daten zu kommen und auf diese zuzugreifen. Aber nicht nur bei der Auslegung des Datenschutzes wird in diesen Ländern viel mehr gemacht, sondern dort wurden auch teilweise schon frühzeitig entsprechende Datenbanken und Infrastrukturen aufgebaut, um den Zugang zu solchen Gesundheitsdaten zu erleichtern und zu ermöglichen. Das ist auch der Grund, warum es Unternehmen gibt, die ihren Forschungs- und Entwicklungsstandort oder ihre Einrichtungen dorthin verlagern oder dort aufbauen.
Was bedeutet das in diesem Bereich für Deutschland oder auch für Bayern?
Das heißt, dass Bayern oder Deutschland nicht ganz vorne mitspielt, was die Attraktivität des Standorts für Unternehmen aus Biotechnologie, Medizintechnik oder Digital Health, die mit Gesundheitsdaten arbeiten, angeht. Im Gegenteil, das kann bedeuten, das Unternehmen an einen Standort abwandern, an dem diese Rahmenbedingungen besser sind. Wir müssen also schauen, dass wir den Standort wieder attraktiver machen, um mehr Unternehmen bzw. Forschung & Entwicklung hierherzubringen beziehungsweise hier zu halten.
Wurde untersucht, was man tun kann, um die Situation zu verbessern?
Ja. Dazu wird es noch ein Folgeprojekt geben, in dem wir detaillierter nachfragen.
Es braucht aber grundsätzlich, und das nicht nur für die industrielle Gesundheitswirtschaft verlässliche, sichere Rahmenbedingungen, was den Zugang zu Gesundheitsdaten angeht. Hier sprechen wir von entsprechenden Strukturen, die aufgebaut werden müssen, die einen niederschwelligen und mit überschaubaren Aufwand verbundenen Zugang zu den benötigten Daten ermöglichen. Auch die Auslegung des Datenschutzes muss überdacht werden. Der Datenschutz soll nicht aufgeweicht werden. Es braucht für die verantwortlichen Datenschützer oder Einrichtungen einfach verlässliche Vorgaben und Auslegungen, an denen sie sich orientieren können. Aktuell gibt es den European Health Data Space oder das Gesundheitsdatennutzungsgesetz als Beispiele in diesem Bereich, die zukünftig noch wichtig werden. Beide Vorhaben rücken die sogenannte Sekundärdatennutzung, also die Nutzung von Gesundheitsdaten für Forschung & Entwicklung, in den Fokus. Das wird sicherlich für den Standort Bayern beziehungsweise Deutschland interessant werden. Bei beiden Vorhaben gibt es allerdings Punkte, die zu diskutieren sind und hoffentlich für alle zufriedenstellend gelöst werden. Im Freistaat Bayern gibt es gerade für Forschungsprojekte eine Initiative, entsprechend eine Infrastruktur aufzubauen, um solche Daten aufzubewahren und zu teilen. Es bewegt sich also einiges im Moment, und wir können gespannt sein, was die Zukunft hier noch bringen wird.
Das Interview führte Dr. Petra Blumenroth, Projektmanagerin Technologie I Frugale Innovation bei der Bayern Innovativ GmbH.