6G als Kommunikationsbasis für die digitale Gesellschaft
Das unsichtbare Betriebssystem unserer Zukunft
30.04.2026
In einer Fertigungshalle laufen Maschinen, die kontinuierlich Daten über ihren Zustand liefern. Das Netz überträgt diese Informationen nicht nur, sondern verarbeitet sie direkt. Abweichungen werden früh erkannt, Prozesse automatisch angepasst und Ausfälle vermieden.
Was hier deutlich wird: Kommunikation wird zur Grundlage vernetzter und intelligenter Systeme. Daten werden nicht mehr nur übertragen, sondern in Echtzeit ausgewertet und für Entscheidungen genutzt. Genau hier setzt 6G an.
Dabei geht es nicht nur um höhere Geschwindigkeiten, sondern um eine neue Form der Vernetzung. 6G soll als Plattform dienen, die unterschiedlichste Anwendungen unterstützt – von der Industrie über die Logistik bis hin zur Medizin.
In unserem Podcast Innovation Leben spricht Dr. Tanja Jovanovic mit Prof. Dr. Wolfgang Kellerer, Leiter des Lehrstuhls für Kommunikationsnetze an der Technischen Universität München und Sprecher des Thinknet 6G, über den aktuellen Stand der Entwicklung, konkrete Anwendungsfelder und die Frage, welche Rolle Unternehmen dabei schon heute spielen können.
Warum ist 6G aus Ihrer Sicht kein weiterer Mobilfunkstandard, sondern ein echter Paradigmenwechsel?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Bei 6G ist es ganz wichtig, dass wir von einer grundlegenden Kommunikationsplattform für die digitale Gesellschaft sprechen. Denn es wird immer entscheidender, dass alle Dienste und Anwendungen, von der Medizin, wie wir es gerade gehört haben, bis hin zum autonomen Fahren, darüber abgedeckt und von 6G unterstützt werden. Wie Sie eben gesagt haben, geht es um ein überall verfügbares Betriebssystem. Dafür gibt es klare Anforderungen: schnelle Datenraten, niedrige Latenzen, hohe Verfügbarkeit und Energieeffizienz. Das ist sehr wichtig.
Bei 6G geht es um die Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen sowie zwischen Maschinen untereinander. Hinzu kommt die Verfügbarkeit von Daten und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das wird eine zentrale Rolle spielen.
Wir sprechen also von einem intelligenten Kommunikationsnetz.
Welche Herausforderungen aus Industrie und Produktion kann 6G konkret lösen?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Das betrifft, wie gesagt, alle Bereiche. Ziel ist es, unterschiedlichste Anwendungen zu unterstützen. Entscheidend sind dabei sehr niedrige Latenzen in der Steuerung von Systemen, etwa in der Industrie, in der Logistik oder auch bei Operationen und Diagnosen in Kliniken. Hier geht es um geringe Latenzen und extrem hohe Verfügbarkeiten. Die Verbindung darf nicht abreißen.
Gleichzeitig spielt die Kommunikation mit der Umgebung eine wichtige Rolle, etwa beim autonomen Fahren. Fahrzeuge müssen zuverlässig miteinander kommunizieren. Das muss absolut ausfallsicher funktionieren.
Also kurz gesagt: 6G ist schneller, vernetzter und dient als Grundlage für viele smarte Systeme?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Genau. Es geht um „schneller, höher, weiter“, aber vor allem um smarte Systeme.
Künstliche Intelligenz wird dabei eine große Rolle spielen, ebenso die Daten. Das heißt: Wir haben nicht nur ein Netz, das Daten von A nach B überträgt, sondern eines, das Daten auch verarbeiten kann.
Das sind Sensoren, die an das System angeschlossen werden, oder 6G selbst kann als Sensor wirken, also als Radarsystem, das Informationen über die Umgebung liefert. Das ist neu, das gab es bisher nicht.
Die vorab genannten Szenarien können ja erst Realität werden, wenn wir 6G weiterentwickeln. Richtig?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Genau. Wenn wir jetzt nicht anfangen, uns in der Forschung mit diesen Themen zu beschäftigen und Schritt für Schritt Lösungen zu entwickeln, dann geht das Ganze nicht weiter. Der Weg führt über die Standardisierung, dann in die Implementierung und schließlich, mit dem Zielhorizont des Jahres 2030, dazu, dass die ersten 6G-Systeme ins Feld gehen.
"6G ist ein intelligentes Kommunikationsnetz, das in Zukunft überall für alle Menschen verfügbar sein soll. So können Dienste wie Robotersteuerung oder Ferndiagnostik in der Medizin von allen genutzt werden – egal wo sie sich aufhalten."
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer
Leitung Lehrstuhl für Kommunikationsnetze, Technische Universität München
Wir möchten auch kleine und mittlere Unternehmen mitnehmen, also direkt die Anwendenden. Welche Chancen ergeben sich für KMU, gerade bei Themen wie Daten in Echtzeit oder dem Anspruch „schneller, höher, weiter“?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Für kleine und mittlere Unternehmen gilt im Grunde das Gleiche. Sie haben oft sehr gute Ideen und können mit einem solchen System weiterdenken, ihre Produkte und Geräte weiterentwickeln und zunehmend vernetzen.
In einer digitalen Gesellschaft wird alles vernetzt sein. Ohne Vernetzung funktioniert vieles nicht mehr. Gleichzeitig soll es so einfach sein, dass man sich nicht im Detail damit beschäftigen muss, wie diese Vernetzung funktioniert. Ein ausfallsicheres Netz stellt die Verbindung bereit und kann zusätzliche, etwa intelligente Dienste anbieten.
Ziel ist es, dass diese Technologien so einfach nutzbar sind, dass sie für alle Anwendungen eingesetzt werden können und auch kleinen und mittleren Unternehmen zur Verfügung stehen.
Welcher Unternehmer hört das nicht gerne: dass Prozesse einfacher werden, Mitarbeitende entlastet werden können und damit auch Skalierung möglich ist? Das ist schließlich ein klarer wirtschaftlicher Faktor. Mich würde interessieren: Wo stehen wir heute ganz konkret in Bayern bei der Entwicklung? Gibt es innovative Projekte, die Sie mit uns teilen können?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Sie hatten es ja bereits angesprochen: Wir haben rechtzeitig mit der 6G-Forschung begonnen – auch in Bayern.
Eines der großen Projekte in München ist das 6G-Zukunftslabor Bayern. Dort beschäftigen wir uns mit verschiedenen Teilaspekten von 6G, unter anderem mit digitalen Zwillingen. Dabei geht es um die Frage, wie Umgebungsinformationen und der Zustand des Netzes erfasst werden können und wie sich damit sowohl innovative Dienste als auch die Netzsteuerung verbessern lassen.
Konkret geht es etwa um schnellen Handover und ein effizienteres Ressourcenmanagement im Netz, um Anwendungen in der Medizin oder auch die Steuerung von Robotern, insbesondere im Bereich der haptischen Robotik, zu unterstützen.
Was sollten Unternehmen Ihrer Meinung nach jetzt tun, um 6G-ready zu sein?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Was man jetzt tun kann, ist, sich zu überlegen: Was bräuchte ich, damit mein Produkt oder Service noch stärker von Kommunikation profitieren kann? Dabei sollte man sowohl Kommunikation als auch Künstliche Intelligenz mitdenken und sich fragen: Wenn ein Netz überall verfügbar ist, wie kann ich meine Produkte weiter verbessern und attraktiver machen?
Wichtig ist, das nicht nur im stillen Kämmerlein zu tun, sondern aktiv den Dialog zu suchen, zum Beispiel über unsere Thinknet 6G-Plattform, im Austausch mit Forschenden und auch mit der Großindustrie. So können Anforderungen frühzeitig erkannt und berücksichtigt werden. Entscheidend ist, den Dialog zu suchen und sich nicht zu scheuen, Fragen zu stellen.
Das heißt: Wenn ich ein Unternehmen bin, das beispielsweise in der Fertigung tätig ist und feststelle, dass ich frühzeitig eine stärkere Überwachung meiner Systeme benötige, kann ich das direkt mitdenken und überlegen, wie mir 6G dabei helfen kann. Und darüber kann ich dann den Zugang zum Thinknet 6G finden?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Zum Beispiel. Oder auf Universitäten zugehen und sich an großen Forschungsprojekten beteiligen. Und tatsächlich einfach mitmachen. Wir freuen uns über Jeden, der zusätzliche Use Cases und Anwendungen einbringt. Mittlerweile gibt es auch große Testbeds an den Universitäten. Dort kann man solche Anwendungen ausprobieren.
Das ist ein sehr wichtiger Punkt: Es ist bereits vieles vorhanden, das man testen kann. Auch Unternehmen haben die Möglichkeit, diese Infrastruktur zu nutzen.
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Genau. Das ist, glaube ich, auch wichtig. Wir haben inzwischen Campusnetze an den Universitäten, die es früher so nicht gab. Dort kann man solche Anwendungen in der akademischen Welt ausprobieren, ohne selbst Netzbetreiber sein zu müssen.
Wenn Sie einem mittelständischen Unternehmen einen Tipp für die nächsten zwei Jahre mitgeben sollten, welcher wäre das?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Mitzudenken, wie so eine intelligente Kommunikation die Produkte verbessern kann. Was könnte ich denn tun, wenn ich ein ausfallsicheres Kommunikationsnetz habe, das leistungsfähig und überall verfügbar ist? Wie könnte das mein Produkt verbessern?
Würden Sie sagen: 6G ist High Tech oder Deep Tech?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: High Tech. Definitiv.
Und welche persönliche Hoffnung verbinden Sie mit einer Welt, in der 6G möglich wird?
Prof. Dr. Wolfgang Kellerer: Ich denke, 6G ist in erster Linie eine Kommunikationstechnologie. Sie soll Menschen zusammenbringen und gleichzeitig dafür sorgen, dass alle teilhaben können.
Wenn ein Kommunikationsnetz überall verfügbar ist und intelligent arbeitet, können alle Menschen gleichermaßen davon profitieren. Dienste wie Robotersteuerung oder Ferndiagnostik in der Medizin können dann unabhängig vom Standort genutzt werden. Das ist ein wichtiger Aspekt für unsere digitale Gesellschaft.
Das Interview führte Dr. Tanja Jovanovic, Leitung Marketing & Innovation und Mitglied der Geschäftsleitung, Bayern Innovativ GmbH, Nürnberg.
Hören Sie sich das vollständige Interview als Podcast an:
Länge der Audiodatei: 00:12:25 (hh:mm:ss)
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