Symposium mit Fachausstellung

Textil Innovativ

Automobil – Sport – Mode
09. Februar 2012, Stadthalle Fürth

Nachbericht

  • 400 Teilnehmer aus zehn Ländern in Fürth
  • Entwicklungen für Automobil sowie Sport & Mode
  • Innovationstreiber Leichtbau, Variabilität und Nachhaltigkeit

Textilien erschließen mit spezifischen Funktionen immer wieder neue technische Einsatzfelder. Alleine in Europa wird dem Markt für Technische Textilien ein jährliches Wachstum von bis zu 4,0 Prozent vorausgesagt. Kontinuierliche Weiterentwicklungen sind gefragt, denn die Anwender, z. B. aus der Automobil- und Sportbranche, stellen immer höhere Anforderungen hinsichtlich Funktionalität, aber auch Nachhaltigkeit und Design. Eine enge Zusammenarbeit in der textilen Kette und mit den Anwendern ist erforderlich, um Innovationen und damit immer wieder einen Wettbewerbsvorsprung zu erzielen.
Die Bayern Innovativ GmbH greift als Gesellschaft für Innovation und Wissenstransfer entsprechende Trends in ihren Innovationskongressen auf und bietet eine optimale Plattform für den Aufbau neuer Kontakte und Kooperationen. Mit dem Symposium „Textil Innovativ" am 9. Februar 2012 in Fürth gelang der Bayern Innovativ GmbH wieder ein Branchenhighlight. Sie führte 400 Teilnehmer aus zehn Ländern zusammen, die sich über neueste Entwicklungen und zukünftige Trends in den Bereichen „Automobil" sowie „Sport & Mode" informierten. In der ausgebuchten Ausstellung präsentierten 40 Firmen und Institute Technologien und Produkte mit Bezug zu den Vortragsthemen. Das Symposium in Kooperation mit dem Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie sowie dem Dialog Textil-Bekleidung ausgerichtet. Unterstützung erfuhr es dabei durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie.

In ihrer Eröffnungsrede betonte Katja Hessel, Staatssekretärin im Bayerischen Wirtschaftsministerium, dass Inspiration, Ideenreichtum, Mut, Eigenverantwortung und Eigeninitiative für Innovationen gewisse Freiräume voraussetzen, die auch von Seiten der Politik immer wieder unterstützt werden müssen. Sie hob diesbezüglich die Bedeutung von Netzwerken und Clustern in Bayern hervor; sie seien Schlüssel für Produkt- und Systeminnovationen. Hier setzt die Bayern Innovativ GmbH an - sie vernetzt Unternehmen und Institute technologie- und branchenübergreifend, z. B. Textil mit Elektronik, Polymerchemie, Life Sciences, Neuen Werkstoffen, aber auch Automobilbau, Sport & Mode, Medizintechnik oder Architektur und Bau, um vielfältige Innovationen anzustoßen. „Die Freiheitsgrade für Open Innovation sind gerade bei funktionellen Textilien nahezu unbegrenzt", so Prof. Dr. Josef Nassauer, Geschäftsführer, Bayern Innovativ GmbH, in seiner thematischen Einführung. Das gilt auch für die Nachhaltigkeit von Produkten, der Kunden einen immer höheren Stellenwert beimessen.
Zahlreiche Unternehmen verfolgen innovative Vorhaben ohne staatliche Förderung, werden aber entsprechende Möglichkeiten gesucht, bildet das Haus der Forschung eine ideale Anlaufstelle, bei dem Bayern Innovativ einer von vier Partnern ist.
Die bayerische Textilindustrie ist für Innovationen bestens aufgestellt, so die Aussage von Klaus Lindner, Hauptgeschäftsführer, Verband der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie. Der Textilsektor habe sich zu einer High-Tech-Industrie gewandelt. Dies spiegelt sich im steigenden Gesamtumsatz wider, der im Oktober 2011 bei 1,95 Mrd. Euro lag, ein Plus von 7,7 Prozent im Vergleich zu Vorjahr. Der Auslandsumsatz stieg ebenfalls um 10,3 Prozent auf 1,04 Mrd. Euro.
„Thinking outside the box" bzw. der berühmte Blick über den Tellerrand ermöglichen es, Transferpotenziale aus anderen Branchen und Technologien aufzugreifen, wie Dr. Matthias Konrad, Bayern Innovativ GmbH, darlegte. Er stellte erste Ergebnisse aus der Studie „Textil & Zukunft" vor, die Bayern Innovativ Mitte März veröffentlichen wird. Elektronische und sensorische Funktionen können in Fasern integriert oder als Bauteil in Textilien eingebracht werden. Die Biotechnologie bzw. die „Biologisierung der Industrie" bieten Potenziale für neue Materialien wie biobasierte Polymere, bioinspirierte Polymere (z. B. hochfeste Spinnenseide) oder bioresponsive Polymere, die auf biologische Vorgänge optische Signale liefern. Durch das Schließen von Materialkreisläufen, z. B. über enzymatisch modifizierte Polymere und die Nutzung von Kohlendioxid als Rohstoff für Polymere, könnte in Zukunft deren nachhaltige Produktion möglich werden. Die Diskussion um Tank oder Teller sowie um den Cellulose-Gap wäre damit obsolet. Intensive Forschungsaktivitäten laufen auf diesem Gebiet.
Jüngste Entwicklungen und aktuelle Trends bei funktionellen und technischen Textilien aus Sicht der Wissenschaft präsentierte Prof. Dr. Stefan Mecheels, Direktor, Hohenstein Institut für Textilinnovationen gGmbH. Multifunktionale Textilien sind nach wie vor das Ziel der vielfältigen Entwicklungsarbeiten. Mecheels sieht dafür Potenziale auf der Faser- und Gewebeebene, bei innovativen Verarbeitungstechniken sowie in der Kombination verschiedener Materialien. Auf letzterem basiert die sogenannte Body Mapping Technologie. Sie wird zunehmend genutzt, um Kleidung optimal auf die Leistungsbeanspruchung abzustimmen und entsprechende Komfortzonen zu platzieren. Weitere Trends in der Sportbekleidung sind u. a. die Integration von Kompressionswirkung und von UV-Schutz.
Der Komfort ist auch ein zentrales Thema im Automobilbereich Entwicklungsarbeiten laufen z. B. zu intelligenten Sitzen mit aktiver, selbsttätiger Klimaregelung. In diesem Zusammenhang hat Hohenstein ein Messverfahren entwickelt, das den Einfluss von Sitzheizung/-kühlung auf die Physiologie und das Komfortempfinden des Fahrers detailliert darstellen kann.

Der nachfolgende Bericht gliedert sich wie folgt:

Einsatzpotenziale für Textilien im Automobilbau

Textilien finden in Fahrzeugen vielfältige Anwendungen, u. a. für Filter, Sitzbezüge und -aufbauten, Seitenverkleidungen, Dachhimmel, Airbags und Gurte, aber auch als Reifencord oder Faserverbundwerkstoffe. Ein Mittelklasse PKW enthält im Durchschnitt etwa 45 kg Textilien. Ihr Anteil könnte in Zukunft weiter steigen, denn „Textilien bieten vielfältige Potenziale in Bezug auf Nachhaltigkeit und E-Mobilität", so Benoit Jacob, Leiter Design BMW i. Er zeigte Visionen und Strategien bezüglich project i - der nächsten Generation an Premiumfahrzeugen. Für deren Realisierung sind neue Materialien, Antriebskonzepte und Produktionstechnologien erforderlich. So sollen bei „Next Premium" 50 Prozent weniger Energie und 70 Prozent weniger Wasser als bei herkömmlichen Produktionsprozessen verbraucht werden. Sämtliche Energie soll zudem aus nachhaltigen Quellen stammen.
„Ziel ist es, bei BMW i Premium und Nachhaltigkeit zu verheiraten", so Jacob. Jedoch ist der Faktor Nachhaltigkeit als Kaufkriterium alleine nicht ausreichend - die Autos müssen den Kunden emotional ansprechen. Dafür spielt das Design eine entscheidende Rolle. Neue Gestaltungsfreiheiten bietet beim BMW i die CFK-Fahrgastzelle, die zudem ein Teil des Batteriegewichts kompensiert.
Das Design des BMW i ist bewusst hochfunktional und futuristisch gestaltet. Behaviour Design im Interieur soll darüber hinaus das Fahrverhalten positiv beeinflussen. Designaspekte sind u. a. Quiet life, beruhigende Ästhetik, Qualität versus Quantität und Well-Being.
Textilien repräsentieren ideale Materialien, um innovative Interieurkonzepte zu realisieren; sie werden sowohl formgebend als auch formfolgend eingesetzt. „Von ihnen werden passgenaue und zugeschnittene Eigenschaften gefordert", so Maria Boewingloh, Design project i. Funktionale Zonen können als Designelemente genutzt werden. Gesucht werden u. a. Textilien mit zusätzlichen Funktionen, besserer Haptik und optimierten Reinigungsverhalten.

Entwicklungen im Automobilinterieur
Einer der führenden Systemlieferanten im Interieur- und Sitzbereich ist Johnson Controls. Dr. Andreas Eppinger, Vice President Technology Management, veranschaulichte am Beispiel des Konzeptfahrzeugs ie: 3, dass Megatrends wie Individualisierung und Digitalisierung die Weiterentwicklungen im Interieur wesentlich beeinflussen. Interieur- und Sitzkonzepte für Elektromobilität und Leichtbau standen besonders im Fokus des Vortrages aus Burscheid. Johnson Controls hat sich mit dem Zukauf von Recaro und Michel Thierry als ein vertikal integriertes Technologieunternehmen aufgestellt. Die textile Kette wird ab der Gewebeherstellung komplett bis hin zu fertigen Baugruppen in firmeninternen Prozessen bearbeitet.
Aktuelle Entwicklungsarbeiten konzentrieren sich auf Leichtbaukonzepte für den Sitzbereich - diese sollen trotzdem komfortabel, also nicht zu schlank, aussehen. Des Weiteren sind regionale Unterschiede zu berücksichtigen, z. B. variieren die Sitzhärtepräferenzen der Kunden in Europa, von denen in den USA oder Japan deutlich. Aus Eppinger‘s Sicht bieten Textilien mit ihren funktionellen Eigenschaften hier gute Lösungen und die Elektromobilität eröffnet den Zulieferern insgesamt eine Reihe von Chancen, die es zu ergreifen gilt.
Elektromobilität verlangt auch alternative Konzepte für die Energieversorgung von Nebenaggregaten wie die Klimatisierung des Innenraums - funktionelle Textilien könnten eine Antwort sein. Mit Carbonano-Strukturen können z. B. Sitzheizungen und beheizbare Interieurflächen realisiert werden, wie Dr. Walter Schütz, Geschäftsführer, Future Carbon GmbH, erläuterte. Dafür werden Oberflächen mit dem so genannten Carbo e-Therm-System funktionalisiert. Dies ermöglicht konturangepasste Heizflächen mit Niedervoltspannung, die auf einfachem Wege elektrisch kontaktiert werden können. Das entstehende System ist reaktionsschnell, Aufheizphasen von -10°C bis +50°C sind in wenigen Sekunden abgeschlossen. Strahlungswärme erfordert zudem weniger Heizleistung, der Mensch empfindet sie intensiver als Konvektionswärme wie Studien zeigen. Die Entwicklung könnte lüftungsbasierte Systeme ersetzen und für ein komfortables Temperaturempfinden im Fahrzeuginnenraum sorgen.
Materialien, die im Automobilinterieur verwendet werden, müssen vielfältige Qualitätsanforderungen erfüllen, so Dr. Wolfgang Lohmann, Leiter, Analytik Service Obernburg. Ein wichtiges Ziel ist u. a. die Einhaltung der Spezifikationen und Grenzwerte für flüchtige Substanzen. Hier existiert eine Vielzahl an Normen, sie lassen sich aber mit fünf Prüfungsarten weitgehend abdecken. Dazu zählen die Anwendung von TD-GC/MS (Thermodesorptions-Gaschromatographie/Massen-Spektrometrie) und Headspace-GC sowie die Prüfung auf Formaldehyd, Fogging und Geruch. Der Nachweis der Schadstofffreiheit erfolgt entsprechend den Kundenvorgaben, die sich u. a. auf die EU-Chemikalienverordnung REACH beziehen.


Faserverbundwerkstoffe für den Leichtbau
Leichtbau ist das Top-Thema in der Automobilindustrie. Jedoch ist der Leichtbau mit CFK nach wie vor mit Herausforderungen verbunden, wie Dr. Markus Milwich, Leiter Faserverbundwerkstoffe, Institut für Textil- und Verfahrenstechnik Denkendorf, darstelle. Zu nennen ist insbesondere eine weitergehende Automatisierung der Fertigung: Taktzeiten von ca. 5 Minuten scheinen in greifbarer Nähe.
Weitere Materialeinsparungen und somit Gewichtsreduktionen von 30 bis 40 Prozent können mittels Topologieoptimierungen nach bionischen Vorbild, z. B. durch den Einsatz der Stricktechnik, erreicht werden. Beim Recycling von Glasfaserverbundwerkstoffen kann schon heute starkes Downcycling vermieden werden. In diesem Feld sind weitere Fortschritte zu erwarten, genau wie in der Erschließung alternativer Kohlenstoffquellen für Carbonfasern.
An innovativen Faserverbundwerkstoffen arbeitet ebenfalls das Institut für Textiltechnik (ITA) der RWTH Aachen, u. a. als Partner im CAMISMA Projekt (Carbonfaser/Amid/Metall-basiertes Innenstrukturbauteil im Multimaterialsystem-Ansatz). Das Multimaterialsystem basiert auf einer Kombination von Kohlenstoff-Faservliesen und wärmeverformbaren Kohlenstofffaserverbundwerkstoffen, die mit einer Metallstruktur verklebt werden. Dies soll im Vergleich zu herkömmlichen Konstruktionen mehr als 40 Prozent Gewicht einsparen, wie Melanie Hörr ausführte. Im Preformcenter des ITA können alle relevanten Prozessschritte der Herstellung von Faserverbundbauteilen abgebildet werden. Für das mehrstufige Performing stehen CNC-Cutter, ein Roboter mit vollautomatischem Wechselsystem der Bearbeitungsköpfe und Formwerkzeuge zur Verfügung.
Darüber hinaus ging Melanie Hörr auf das Thema Smart Textiles ein. Die Automobilindustrie gilt derzeit als einer der Innovationstreiber auf diesem Gebiet. Smart Textiles eröffnen gerade im Hinblick auf die Elektromobilität Potenziale für die Funktionsintegration. Denkbar seien z. B. der Einbau von LEDs in Verbundstrukturen, beheizte Textilien oder Textilien zur Datenübertragung. Forschung wird auch an piezoelektrischen Sensorfasern in Verbindung mit Polyvinylidenfluoridfasern betrieben. Jene könnten als Drucksensoren für die Sitzbelegungserkennung oder zum Monitoring von Faserverbundwerkstoffen verwendet werden.


Textilien für Reifencord und Filter
Zwei weitere Einsatzgebiete für Textilien sind Filtermedien und Reifencord - in beiden Bereichen werden spezifische Anforderungen gestellt:
Hohe Temperaturbeständigkeit und sehr feine Faserdurchmesser erlauben den Einsatz moderner Vliesstoffe in der Luft- und Flüssigkeitsfiltration, z. B. für Motorluft und Öl. Die IREMA-FILTER GmbH produziert solche textilen Hochleistungsmaterialien. Dr. Andreas Seeberger, Direktor F&E, stellte jüngst entwickelte schrumpfarme Vliesstoffe aus PET für Kfz- und Industrieanwendungen vor. Sie sind das Ergebnis eines ZIM geförderten Projekts in Kooperation mit ITV Denkendorf und Bayern Innovativ. Im Rahmen des Projektes wurde das „Meltblow-Verfahren" zur Faserbildung und Herstellung von Vliesstoffen für Hochtemperaturanwendungen verbessert - durch das Optimieren von Prozessparametern wie Luftzuführung, Polymertemperatur und Düsen-Kollektor-Abstand sowie durch eine spezifische Nachbehandlung.
Textile Verstärkungsstrukturen für Reifen müssen besonderen Kriterien genügen, vor allem hinsichtlich Beständigkeit gegen Hitze und mechanischer Belastung. Stetige Innovationen auf Faserebene erhöhen die Sicherheit, wie Andreas Eule, Geschäftsführer, Cordenka GmbH - einem der Weltmarktführer bei hochfesten Viskosefilamentgarnen (Rayon) - ausführte. Neben Produkt- seien allerdings auch Marketinginnovationen notwendig, um Neuentwicklungen erfolgreich in den Markt einzuführen. Denn letztendlich heiße „Innovation Ideen in Geld umzuwandeln". Dafür gelte es eine entsprechende Unternehmenskultur aufzubauen, dies dauert in der Regel 5 bis 10 Jahre wie Erfahrungen zeigen.

Nachhaltige und funktionelle Textilien für Sport & Mode

Textile Innovationen in der Sportindustrie schilderte Astrid Lang, Manager Material Development der adidas AG in ihrer Key Note. Funktionelle Materialien und Bekleidungskonzepte sollen den Athlet in seiner Leistungsfähigkeit unterstützen. Entscheidend ist dabei eine optimale Regulierung der Körpertemperatur, hierfür werden Body Mapping und Flow Mapping Technologien eingesetzt. Das Flow Mapping betrachtet die Luftzirkulation am Körper bei Bewegung und bietet somit zusätzliche Informationen für die Bekleidungsphysiologie.
In der Materialentwicklung stelle derzeit das Thema Nachhaltigkeit einen Schwerpunkt dar, so Lang. Es wird die Verwendung biobasierter Polymere und recycelter Materialien angestrebt. Die Integration zusätzlicher Funktionen in die Fasern und Textilien bis hin zu „Wearable Electronics" bilden die Zukunftsvision.

Nachhaltigkeit ist ebenso bei Puma ein dominierendes Themenfeld. Puma führte als erstes global agierendes Unternehmen weltweit eine ökologische Gewinn- und Verlustrechnung ein. Der Mutterkonzern PPR verpflichtet auch seine weiteren Marken wie Gucci, Yves Saint Laurent oder Stella McCarney dem Beispiel Pumas zu folgen. Bowie Miles, Innovation & Sustainability, unterstrich, dass die Produkte aber nicht nur die Anforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit, sondern gleichzeitig auch hinsichtlich Funktion und Design erzielen müssen.
Bis 2015 plant Puma 50 Prozent mehr nachhaltige Produkte herzustellen, aktuell liegt man bei der 30 Prozent-Marke. Künftig will man auch auf kritische Chemikalien in der Fertigung verzichten. Außerdem sollen innovative Konzepte zum Tragen kommen, die ein leichtes Recycling der Produkte ermöglichen - Stichwort „mono component concept". Puma hat z. B. eine Jacke entwickelt, die vollständig aus Polyester besteht und nach der Nutzung im Gelben Sack entsorgt werden kann. Auch das Thema Crade-to-Cradle gewinne immer mehr an Bedeutung, so Miles. Zudem ist Puma ein Mitglied in der Sustainable Apparel Coalition, an der bereits rund 40 führende Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie mitwirken. Deren Ziel ist es, einen vorwettbewerblichen Index zur Messung von nachhaltigen Praktiken und Produkten im gesamten Bekleidungs- und Schuhmarkt zu entwickeln.
Nachhaltigkeit und Ökologie sind auch für den Miederwarenhersteller Triumph International AG tägliches Geschäft. „Unsere Produkte werden direkt auf der Haut getragen, dadurch ergibt sich eine besondere Verantwortung gegenüber den Kunden", so Bernd Dannhorn, Head of Raw Material Quality Assurance. Ein besonderes Augenmerk liegt auf schadstofffreien Ausgangsmaterialien; Zertifizierungen wie der Öko-Tex-Standard 100 sind selbstverständlich. „Wenn bestimmte Schadstoffe nicht enthalten sind, muss auch nicht nach deren Verbindungen gesucht werden." Triumph pflegt langfristige Lieferantenbeziehungen und verlange von seinen Zulieferern die Einhaltung von Standards. Dannhorn merkte an, die steigende Anzahl an Zertifizierungen und sich immer wieder ändernde Kriterien bringe die Lieferanten allerdings personell und finanziell an ihre Grenzen. Deshalb habe Triumph jüngst einen eigenen Kriterienkatalog erstellt. Zukünftig sieht er vor allem im nachhaltigen Umgang mit Ressourcen eine der wichtigsten Aufgaben.


Membranen und Veredlung für Funktionstextilien
Neben der Nachhaltigkeit stellt die Funktionalisierung einen wesentlichen Schwerpunkt der Materialentwicklung dar. Membrane werden in der Bekleidung in Form von Laminaten eingesetzt und unterstützen die Temperaturregelung des Körpers in einem weiten Bereich von unterschiedlichen Klimaverhältnissen. Laminate sind je nach Einsatzzweck unterschiedlich aufgebaut, wie Anja Schumann, Sächsisches Textilforschungsinstitut, aufzeigte. Dabei kann zwischen Oberstoff-, Futterstoff-, Insert- und Dreischichtlaminaten differenziert werden. Optimierungspotenziale bestehen nicht nur bei der Membranfunktionalisierung, sondern auch bei der Lamination und dem Gebrauchsverhalten.
So beeinflusst die Lamination, d.h. der Bedeckungsgrad mit Klebstoff, wesentlich die Haptik, Haftfestigkeit und Wasserdampfdurchlässigkeit. Weitere Entwicklungspotenziale liegen in der Geräuschminimierung bei 2-lagigen Laminaten oder der Verbesserung der Nahtabdichtung und Waschbeständigkeit.
Auch die chemische Oberflächenfunktionalisierung und Fasermodifikation bietet vielfältige Potenziale, wie Andreas Troscheit, Leiter Technischer Service Ausrüstung, CHT R. Beitlich GmbH, darlegte. Derzeit ist z. B. eine steigende Nachfrage nach Textilien mit UV-Schutz beobachtbar. UV-Schutz ist ein sehr vielschichtiges Themenfeld, CHT hat hierfür eine rein physikalische Lösung entwickelt: TiO2-Partikel legen sich als Film um die Faser.
Am Beispiel der Comfort Control-Ausrüstung (Außenseite hydrophob, Innenseite hydrophil) verdeutlichte Troscheit, dass für die Funktionalisierung des Textils auch die Applikationstechnik eine entscheidende Rolle spielt. Er befürwortet die wassersparende Schaumtechnik, die viele klassische Prozesse ersetzen kann. Mit ihr kann man z. B. auch Klebschichten bei Laminaten realisieren, die in zwei Richtungen dehnbar sind. Des Weiteren sprach Troscheit Herausforderungen im Zuge von REACh und der Selbstverpflichtung der Industrie in Bezug auf den Verzicht auf C8-Chemie an. Hier sei die Textilchemie gefordert, alternative Produkte zu generieren, die vergleichbare Qualitäten liefern. Jüngst hat CHT z. B. einen halogenfreien Flammschutz auf Sol-Gel-Basis entwickelt.


Entwicklungstechnologien für funktionale Textilien
Simulationstechnologien bieten Potenziale zur Zeit- und Kostenersparnis bei der Entwicklung neuer Textilien. Entsprechende Methoden hat das Fraunhofer-Institut ITWM entwickelt. Aus Mikro-CT- oder Elektronenmikroskop-Bildern werden mit Hilfe von FEM- oder REV-Methoden Simulationen von Gewebeeigenschaften errechnet, so die Ausführungen von Dr. Julia Orlik. Gewebedaten wie Elastizität, Viskoelastizität oder Steifigkeit können auf diesem Weg vorausberechnet werden. Exemplarisch stellte sie die Berechnung von Einlegefäden in Kompressionswaren vor, durch die eine besondere Elastizität bei gleichzeitig optimaler Kompressionswirkung erreicht werden kann.
Entscheidend ist aber auch wie der Kunde das Produkt empfindet - ist es komfortabel oder nicht? Außerdem muss die Haptik die Erwartungen, die sich aus der Optik ergeben, erfüllen. Dafür hat das Institut Fraincais Textile-Habillement (IFTH), Frankreich, einer der Hauptakteure der Normentwicklungskommissionen ein Testsystem entwickelt. Die Methodik kommt aus der Lebensmittelindustrie, wie Gaëlle Charles, Research and Innovation Engineer, erläuterte. Mit dem System können textile Produkte gezielt weiter optimiert werden.


Am Vortag des Symposium hatten 90 Teilnehmer und Teilnehmerinnen die Möglichkeit die adidas AG in Herzogenaurauch zu besichtigen. Sie erhielten einen umfassenden Einblick in das Testcenter und die umfangreichen Möglichkeiten der Qualitätssicherung eines Global Players. Bereits hier wurden zahlreiche neue Kontakte aufgebaut, die beim Abendempfang im Schloss Burgfarrnbach in Fürth weiter entwickelt wurden.

 

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