BAIKA-Denkfabrik

Mobilitätsszenarien

19. Mai 2015, JOSEPHS - die Service-Manufaktur, Nürnberg

 

Bericht

Spricht man heute über die Zukunft der Mobilität, geht es nicht länger nur um Verkehrsmittelnutzung, neue Antriebsformen und Fahrzeug-Features, sondern auch um Begriffe wie Nachhaltigkeit, dezentrale Energieinfrastrukturen, postfossile Mobilitätskonzepte, vernetzte Städte, Car-to-Car-Kommunikation, intelligente Transportsysteme und -dienstleistungen. Das Auto ist nicht mehr zentrales Element der Mobilität, sondern wird mehr und mehr Teil eines komplexen Portfolios an Mobilitätsdienstleistungen.

Dies macht deutlich, dass hier zahlreiche neue Ansatzpunkte für eine zukunftsfähige Gestaltung des Themas Mobilität sowie sektorübergreifende Kooperationen und Partnerschaften entstehen. Das ist wichtig, insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen: über den Tellerrand schauen und Chancen für neues Business erkennen.

Die erste BAIKA-Denkfabrik zum Thema Mobilitätsszenarien am 19. Mai 2015 im JOSEPHS in Nürnberg setzte genau an diesem Punkt an und bot Möglichkeiten, gemeinsam mit Akteuren aus unterschiedlichsten Geschäftsfeldern das Thema Mobilität weiterzudenken. Mit mehr als 50 Teilnehmern war die BAIKA-Denkfabrik bis auf den letzten Platz besetzt.

Drei Referenten beleuchteten Mobilitätsszenarien aus unterschiedlichen Blickwinkeln und erläuterten ihre Sicht der Dinge:

  • Welche Mobilitätsszenarien sind denkbar?  
  • Wie gehen Unternehmen, in unterschiedlichen Ebenen der WS Ketten, mit Mobilitätsszenarien um?
  • Was bedeuten diese Szenarien für ein Unternehmen? Welche Chancen und Herausforderungen können sich aus dem Mobilitätswandel ergeben?

Das Auto spielt auch in Zukunft eine zentrale Rolle

Dr. Peter Phleps, wissenschaftlicher Referent am Institut für Mobilitätsforschung (ifmo), einer Forschungseinrichtung der BMW Group, stellte in seinem Vortrag `Die Zukunft der Mobilität – Szenarien für Deutschland in 2035´ eine aktuelle Studie des ifmo vor. Anhand zweier unterschiedlicher Szenarien, wird beschrieben, wie das Leben in Deutschland in Zukunft aussehen und speziell, auf welche Art und Weise Menschen mobil sein könnten. "Unser Mobilitätsverhalten wird sich in den nächsten zwanzig Jahren deutlich verändern. Das hat unterschiedliche Gründe: demografische, wirtschaftliche, verkehrs- und energiepolitische sowie technische. Entscheidenden Einfluss wird aber auch die Einstellung der Menschen zur Mobilität und zu wichtigen Lebensbereichen haben," so Phleps. Laut der Studie spielt das Auto 2035 immer noch eine zentrale Rolle, wenn es um das Thema Mobilität geht, obwohl sich die Einstellung zur Nutzung und zum PKW Besitz geändert hat. Allerdings wird Mobilität anders konsumiert: flexibler, spontaner und situativer. Der eigene Pkw steht somit in der Zukunft noch stärker im täglichen Wettbewerb mit anderen Verkehrsträgern. Dieser Wettbewerb wird sich voraussichtlich noch verschärfen, da die Gesamtpersonenverkehrsleistung aufgrund des demografischen Wandels bis 2035 um 1,3% sinken könnte. Durch die Entwicklung des automatisierten Fahrens bis hin zum autonomen Fahren gewinnt der motorisierte Individualverkehr hingegen längerfristig wieder an Bedeutung. Für den BMW Konzern sind die Ergebnisse der Studie sehr wertvoll. "BMW muss sich anpassen und darf den Anschluss an die mit rasantem Tempo vorangehenden, IT-getriebenen Veränderungen nicht verpassen. BMW will schließlich nicht zum Zulieferer der IT-Industrie werden," so Phleps.

Urbanisierung - eine der größten Herausforderungen

Einen anderen Blickwinkel auf die Mobilitätsentwicklungen in den nächsten Jahren erläuterte Dr. Andreas Mehlhorn, Leiter Consulting der Division Mobility der Siemens AG in München. „Wenn man Mobilität der Zukunft betrachten will, muss man sich insbesondere mit urbanen Räumen beschäftigen, denn die urbane Mobilität ist mit extrem komplexen Herausforderungen verbunden, von der alle Beteiligten des Mobilitäts-Ökosystems betroffen sind.“ Dies gälte vor allem für die Nicht-OECD-Staaten, so Mehlhorn, denn hier sei die Mobilität mit explosionsartigen Zuwachsraten verbunden. „Ohne eine tiefgreifende Weiterentwicklung des Mobilitätsangebotes jenseits des motorisierten Individualverkehrs stehen die Ballungszentren in Asien vor massiven Problemen.“ Metropolen in Europa könnten eine Vorreiterposition bei der Entwicklung neuer Mobilitätsformen einnehmen, denn sie haben heute eine gute Ausgangsposition. Aber es gibt auch konkrete Herausforderungen: Die nächste Entwicklungsstufe sind intelligente Lösungen in einzelnen Transport-Modi (Automatisierung/IT) und integrierte Mobilität, um genügend Menschen zu Peak-Zeiten durch die Städte bewegen zu können. Hierfür entwickelt Siemens eine Vielzahl von integrierten Lösungen für den Verkehr auf Straße und Schiene. Sie vernetzen, entwickeln neue Wege, managen und takten, modernisieren und optimieren. Und reduzieren somit auch konsequent Emissionen und Energieverbrauch. „Doch Siemens kann solche Lösungen nicht allein entwickeln, sondern nutzt hier verstärkt Partnerschaften, beispielsweise mit Städten.“ Ein Beispiel hierfür ist die „Intermodale Mobilitätsplattform Berlin“. Diese ermöglicht es, für jeden Weg und Zeitpunkt die passenden Verkehrsmittel zusammenzustellen und zu buchen. Die Plattform vernetzt verschiedene Mobilitätsdienstleister wie Car-Sharer, Verkehrsbetriebe, Taxis oder Fahrradverleihe. Verkehrsbetriebe können so ihr Mobilitätsangebot erweitern und Reisende können mit nur einer App alle Wege planen. „Mobilität der Zukunft wird ein Servicegeschäft sein,“ so Mehlhorn weiter. Ein weiteres Beispiel sei das Smart Mobility/City Sensor Netzwerk, welches ab Sommer 2015 in Berlin pilotiert werden soll. Durch Nutzung von Sensortechnik werden eine optimierte Nutzung von städtischem Parkraum und verringerter Parkraumsuchverkehr in Städten möglich.

Automobilzulieferer im Zeichen des Mobilitätswandels

Wie reagiert ein Zulieferunternehmen, welches fest in der automobilen Wertschöpfungskette verankert ist, auf den sich abzeichnenden Mobilitätswandel, und welche Rolle spielen hierbei Mobilitätsszenarien? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Dr. Markus Ernst, R&D Innovation Management, Wiring Systems Division, LEONI Bordnetz-Systeme GmbH, Kitzingen. „Die Schwierigkeit für unser Unternehmen besteht darin, Megatrends herunterzubrechen und auf die Produkte des Unternehmens zu übersetzen. Megatrends wirken im Zusammenspiel, beeinflussen sich gegenseitig und wirken auf unterschiedliche Bereiche im Unternehmen,“ so Ernst. Leoni als Zulieferer der Automobilindustrie stellt sich die Frage, welche Trends wie auf die eigenen Kunden wirken: Nutzen statt besitzen? Kleine Fahrzeuge für den Stadtverkehr? Leichtbau? Und welche Auswirkungen kann dies für das eigene Business haben? Leoni nutzt hierfür die klassische Top Down Analyse: globale Megatrends werden auf Trends in der Gesellschaft übersetzt und ihr Einfluss auf die Automobilindustrie betrachtet; anschließend erfolgt eine Überprüfung dieser Trends hinsichtlich ihrer Bedeutung für das eigene Unternehmen. Auf der anderen Seite sei auch eine Bottom-Up-Analyse notwendig. „Denn als Manager muss man ständig hinterfragen, ob man sich mit den richtigen Projekten beschäftigt,“ so Markus Ernst.

In der sich an die Vorträge anschließenden Diskussion, geleitet durch Kerstin Zapp, freie Fachjournalistin mit den Fachgebieten Logistik, Mobilität und Energie, konnten die Teilnehmer, welche aus unterschiedlichsten Bereichen von Industrie, Wissenschaft und Kommunen stammten, ihre persönlichen Fragestellungen diskutieren.

Zahlreiche Fragen regten zum Nachdenken an: Wer fährt mit dem Auto zur Arbeit? Wer in einer Fahrgemeinschaft? Wer kann in seinem Unternehmen auf einen Fahrzeugpool zugreifen? Bei wem gehören Fahrräder und/oder E-Cars dazu? Wer ist bei einem Carsharing-Unternehmen angemeldet? Wer ist Besitzer einer Bahncard, ÖPNV-Card? Wer bucht seine Tickets über sein Smartphone?

Bedeutung von Mobiltätsszenarien für das eigene Unternehmen

Auf die abschließende Frage, was Unternehmen denn nun eigentlich mit Mobilitätsszenarien anfangen können, antworteten die Referenten folgendes:
Dr. Phleps: „Möglichst viele Informationen aufsaugen, aber auch kritisch hinterfragen und durchspielen, was dies für das eigene Unternehmen bedeutet.“
Dr. Ernst: „Wichtig für Unternehmen ist die interne Diskussion, um ein Gesamtbild entstehen zu lassen, auf welcher Basis dann Geschäftsentscheidungen getroffen werden können.“
Dr. Mehlhorn: „KMUs sollten sich mit ihren Kunden, den OEMs, abstimmen, denn diese haben Marktnähe.“
Moderatorin Kerstin Zapp kam in ihrer Zusammenfassung zu folgenden Schlussfolgerungen.

  • Sowohl für KMU als auch für Kommunen gibt es hinreichend Möglichkeiten, von entwickelten Mobiltätsszenarien zu profitieren, den Mobilitätswandel zu erkennen und sich rechtzeitig darauf einzustellen.
  • Die meisten Entwicklungen scheinen vorgezeichnet, ihre Dynamik und damit ihr GEWICHT sind allerdings nicht genau vorherzusagen
  • Der fachliche Austausch innerhalb der Branche und darüber hinaus ist hilfreich und sinnvoll. Beim Blick über den Tellerrand kann Bayern Innovativ mit Angeboten wie Plattformen zum Informationsaustausch oder mit Arbeitskreisen helfen, um fit für die Zukunft zu werden und Chancen ebenso wie Herausforderungen zu erkennen.

"Wie ein Unternehmen oder eine Stadt sich dann eventuell neu strategisch ausrichtet, um Marktanteile oder Bewohner zu halten oder neue hinzuzugewinnen, ist individuell verschieden. Ein einziges richtiges Konzept gibt es glücklicherweise nicht.“ so Kerstin Zapp abschließend.

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