Kongress

mobilität querdenken

14. November 2017, Ofenwerk, Nürnberg

Wie sieht die Zukunft der Mobilität in Städten aus?

Urbanisierung ist einer der Megatrends unserer Zeit und stellt (nicht nur) die Verkehrsinfrastrukturen vor enorme Herausforderungen

Interview - 2009 lebten zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten. 2050 werden fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Die Gründe dafür sind vielfältig: attraktive Arbeitsplätze, effiziente Infra- und Mobilitätsstrukturen, vielfältige Freizeit-, Kultur- und Bildungsangebote, eine gute Gesundheitsversorgung – zusammengefasst ein hohes Maß an Lebensqualität. Immer mehr gut ausgebildete junge Menschen, Familien, ältere Erwerbstätige und auch im Ruhestand befindliche aktive Senioren zieht es in die Städte. Doch die schnell voranschreitende Verstädterung hat einen direkten Zusammenhang mit den Mobilitätsbedürfnissen und stellt vor allem die Verkehrsinfrastruktur vor enorme Herausforderungen. Jennifer Reinz-Zettler, Projektmanagerin Mobilität / Cluster Automotive bei Bayern Innovativ, sprach mit der Direktorin von Urban Standards, Sophie Stigliano, wie man den Herausforderungen zunehmender Verstädterung begegnen beziehungsweise Chancen nutzen kann und welche Rolle dabei die Automobilindustrie einnehmen könnte. 

Bild: Audi Urban Future Initiative 2014, Konzeptentwurf Studio Schwittala

 

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Pain Points in Bezug auf den städtischen Individualverkehr?

Die klassische und durchaus auch naheliegende richtige Antwort wären Begriffe wie Stau, Emissionen, Platzmangel. Allein schon, wenn wir uns die Relation zwischen dem weltweiten BIP und dem Verlust an der Gesamtsumme durch Staus anschauen. 85 Prozent des BIP werden derzeit in Städten erwirtschaftet, vier Prozent davon verlieren wir durch Fahrzeuge, die im Stau stehen. Weltweit gehen Städte massiv und oft auch radikal durch rigorosen Ausschluss gegen den Individualverkehr vor und setzen so neue Rahmenbedingungen, die sich an den ökologischen und wirtschaftlichen Zielsetzungen, aber auch an den Bedürfnissen der Bürger orientieren. Die wiederum sind aber gern mobil und es braucht neue Systeme, die einen Level of Service bieten, der dem des Autobesitzes mindestens gleichwertig ist. Insofern sind für mich Pain Points eben auch das Verhandeln eines Gesamtsystems, das Individualverkehr neu denkt, dass Zukunftstechnologien mit einplant und sich deren Vorteile zu Nutzen macht. Provokativ ausgedrückt steht dahinter für uns immer wieder die Frage, wie kann der Individualverkehr auch Teil der Lösung werden und die Lebensqualität einer Stadt erhöhen? Dabei geht es uns um eine Balance zwischen dem Messbarmachen des „Urban Foot Print“, den der Individualverkehr, aber auch das gesamte Mobilitätsangebot hinterlässt und wie man diesen zum Beispiel über Technologien wie alternative Antriebe oder pilotierte Funktionen stadt- und menschenverträglich gestaltet.

Was sind für Sie die wichtigsten Handlungsfelder, wenn es um die Zukunft unserer urbanen Mobilität geht?

Wir koordinieren zusammen mit GESI | Gesellschaft für Systeminnovation mbH seit über einem Jahr die sogenannte Plattform Urbane Mobilität, die gemeinsam von deutschen Städten und Vertretern der Automobilindustrie ins Leben gerufen wurde. Das Ziel dieser erstmaligen Partnerschaft ist es, im Schulterschluss Lösungen für die urbane Mobilität zu diskutieren und dabei gleichzeitig auf die Bedürfnisse der Stadtbewohner und -bewohnerinnen einzugehen. Geeinigt hat man sich zunächst auf fünf entscheidende Handlungsfelder für die Zukunft der urbanen Mobilität:

1. Multimodalität/Intermodalität: Um attraktive Angebote machen zu können, müssen wir die unterschiedlichen Verkehrsträger effizient und nachhaltig miteinander verknüpfen. 2. Verkehrsmanagement und Flächennutzung: Der „Urban Footprint", der momentan von Verkehr eingenommen wird, muss reduziert werden, um so Fläche für eine andere Nutzung frei zu machen. Dazu gehört sowohl das Managen von Parkraum als auch die Steuerung des Verkehrsflusses. 3. Digitale Plattformen und Schnittstellen: Damit Mobilität und auch Logistik ganzheitlich gedacht und weiterentwickelt werden können, brauchen wir gemeinsame (digitale) Plattformen, die zwischen städtischen Zielen und privaten Angeboten koordinieren und vermitteln. 4. Rahmenbedingungen: Es ist extrem wichtig, dass geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden, die zum einen die Umsetzung von Mobilitätslösungen ermöglichen und zum anderen durchaus auch ein Umfeld für Investitionen von Dritten schaffen. 5. Zukunftsdialog: Für mich ein zentraler Punkt, denn hier geht es darum, dass sich neue Mobilitätskonzepte konkret positiv auf unsere Lebensqualität auswirken. Die Mobilitätswende und der erforderliche Verhaltenswandel wird nur möglich sein, wenn Bürger transparent informiert werden und Zukunftslösungen erlebbar gemacht werden.

Wo liegen aus Ihrer Sicht noch große Hürden und wie könnte man diese beseitigen?

Eine der größten Herausforderungen liegt in der kooperativen Arbeitsweise. Sektorübergreifende Projekte zwischen Industrien, Forschung und Kommunen sind Voraussetzung für eine vernetzte Mobilität. Oft gilt es hier schon im ersten Schritt Hürden innerhalb von Unternehmenshierarchien und Fachabteilungen zu überwinden. Das gleiche gilt in der Regel auch für Kommunen, wo zum Beispiel oft eine Querschnittsfunktion zwischen Verwaltungsreferaten fehlt.

Wie wollen Menschen in Städten in Zukunft mobil sein? Welche Bedeutung hat der Besitz eines eigenen Fahrzeugs?

Die Standardantwort ist sicherlich, dass sich für die nächste Generation, die Millenials, das Verhältnis zu Besitz geändert haben wird. Das ist durchaus richtig und bestimmt derzeit die Debatte bezüglich der Mobilitätsservices, die in Zukunft angeboten werden müssen. Themen wie Carsharing und Ride- Hailing sind dabei wichtig. Ich denke auch, dass wir uns in den urbanen Zentren langfristig unsere Mobilität und die darin liegenden Angebote teilen werden. Die Frage ist nur, wie die Ausgestaltung sein wird. Es wird eine Vielfalt von Angeboten je nach Bedarf geben müssen, die sich nach unterschiedlichen Kriterien und Erwartungen aufteilen. Menschen wollen eigentlich unabhängig sein, wenn es darum geht, sich fortzubewegen. Deshalb war ja das eigene Auto eine so große Revolution. Es steht mir immer zur Verfügung, wenn ich Distanzen schnell überbrücken möchte. Und auch, wenn das heute nicht mehr so ganz stimmt, weil die Chance, dass man in einem Stau landet sehr groß ist. Wenn das ein Serviceangebot leisten kann, dann wird der Wunsch nach Besitz eines eigenen Fahrzeugs sicherlich schnell noch weiter abnehmen.

Ein Schritt in die richtige Richtung sind meiner Meinung nach On-Demand Systeme, also Mobilität auf Abruf, die sich allerdings nicht wie Uber disruptiv auf eine Stadt aufpflanzt und das Gesamtsystem eigentlich verstärkt belastet, sondern als kooperative Lösung zwischen Stadt und Anbieter auf die städtischen Ziele einzahlt. Ich denke dabei an eine automatisierte Flotte von unterschiedlichen, nutzungsbasierten On-Demand-Fahrzeugen in einem Netzwerk von Hubs, die über ein attraktives Ride Sharing-Programm die Anzahl gefahrener Kilometer im Gesamtsystem reduziert. Obwohl man bei der Antwort natürlich auch geographisch und sozio-kulturell unterscheiden muss. Während sich in den USA und Europa das Verhältnis zu Besitz von bestimmten Gütern stark verändert, kann man diesen Trend zum Beispiel in China noch nicht so ausgeprägt wahrnehmen. Und auch die Bedürfnisse der Millenials ändern sich je nach Lebenssituation – plötzlich hat man Kinder, verdient mehr Geld etc. Umso mehr sollte es unser Anspruch sein, den Level of Service, den uns das eigene Auto heute bietet, mit einem guten Mobilitätsserviceangebot mindestens zu erreichen, aber eigentlich zu überbieten.

Welche Rolle wird aus Ihrer Sicht die Automobilindustrie für die Mobilität der Zukunft spielen?

Ein wichtiges Learning für die Automobilindustrie wird sein, sich von der Dominanz eines PS-getriebenen Verkaufsmodells zu lösen. Es geht nicht mehr darum, ein Auto zu besitzen oder nicht, sondern darum, wie man sich in Zukunft seine Mobilität über digitalisierte Services auf die Sekunde passgenau zusammenstellen kann. Und in diesen Blumenstrauß muss entweder mein Produkt passen oder ich biete einen Service an, der ihn zusammenbindet. Ein Umdenken hin zum Serviceprovider. Ich denke, die Automobilindustrie bekommt hier gerade eine einmalige Chance, sich neu zu positionieren, indem sie ihre Entwicklungen wie beispielsweise pilotiertes Parken oder automatisiertes Fahren nicht mit Fokus auf den individuellen Nutzer, sondern ein Kollektiv lenkt und einen positiven Beitrag zur Nutzung von urbanem Raum oder Emissionsreduktion leisten kann.

Meiner Meinung nach kann gerade die Automobilindustrie über ihre technologischen Entwicklungen weiterhin eine wichtige Rolle für die urbane Mobilität der Zukunft spielen, indem sie es ermöglicht, bestimmte Zielsetzungen von Städten zu erreichen und zu unterstützen.  Natürlich sieht es immer besser aus, wenn man Zukunftsbilder von Straßen ohne Autos mit viel Grün sieht, aber das ist in meinen Augen eine wenig realistische Lösung.

Haben Sie ein Beispiel für uns zum Thema Visionäre Stadtprojekte?

Das ist eine schwierige Frage, denn es gibt weltweit sehr viele Projekte und Initiativen, die visionär sind und bereits zu Veränderungen geführt haben. Gerne schauen wir uns die nordischen Länder an, denn die sind in Europa sicherlich mit am progressivsten, was eine Incentivierung der Bevölkerung zur Aufgabe des eigenen Fahrzeugs angeht. Dies wird aber eben nicht über reine Verbote, sondern andere Maßnahmen erreicht. Ein gutes Beispiel ist Helsinki. Marko Forsblom, Chief Executive Office für intelligente Transportsysteme, hat es sich zur Aufgabe gestellt, den Bewohnern von Helsinki so gute Alternativangebote zu machen, dass sie freiwillig auf den Besitz eines eigenen Autos verzichten werden. Der Schlüssel liegt im Verständnis, dass Mobilität ein Service ist (Mobility as a Service): viele unterschiedliche, perfekt koordinierte und digital miteinander vernetzte Optionen, die flexibel und preissensitiv genug sind, um dem eigenen Fahrzeug ernsthaft Konkurrenz zu machen. Das Ganze läuft über eine digitale Plattform (MaaS Global) und kann per einfach zu handhabender App (Whim) von den Bewohnern genutzt werden. Whim funktioniert dabei gleichzeitig als Routenplaner, Buchungs-und Zahlungsplattform.

Wie sieht Ihre Vision von Urbaner Mobilität 2040 aus?

Wahrscheinlich erwarten Sie jetzt, dass ich Ihnen ein Bild zeichne mit futuristischen Verkehrsträgern, die automatisiert und ohne Stau durch eine durchaus grüne, jedoch chic designte Stadt fahren, während sich die Nutzer zurücklehnen und entspannt lesen oder sich über virtual reality auf einer Scheibe Sehenswürdigkeiten und Restaurantempfehlungen vorspielen lassen. Wir bei Urban Standards sind vorsichtig mit beliebten Science-Fiction-Szenarien, da die Zukunft ja praktisch schon jetzt jeden Tag passiert. Die technologische Entwicklung verläuft in den letzten 15 Jahren so unglaublich schnell, dass schon morgen unsere kühnsten Phantasien Wahrheit sein können und nicht erst in 20 Jahren.

Natürlich haben auch wir Vorstellungen und können aufgrund heutiger Entwicklungen bestimmte Annahmen treffen, aber belassen wir es vielleicht dabei, dass wir in 2040 so weit sein sollten, dass sich Stadt und Mobilität wirklich vertragen. Dass Stadtplanungs- und Technologiezyklen im Einklang sind, wir über den zweidimensionalen Raum hinausdenken und vielleicht dann doch ein bisschen in einer Science-Fiction-Welt leben, in der es auch fliegende Mobilitätsträger gibt, die uns weitere Möglichkeiten des Neudenkens geben. Unsere Vision wäre eine Mobilitätskultur der Vielfalt, nicht Dominanz des Einen oder Anderen, die eine Stadt und ihre Menschen nicht erstickt, die Lebensqualität erhöht und gleichzeitig neue Märkte eröffnet.

 

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