Hier wird künftig Geld verdient

Eine Studie von Ernst & Young hat die Wertschöpfungsstufen der Energiewirtschaft im Jahr 2020 untersucht.
nach Quelle: E&M PowerNews, 30.11.2016

Schade. Denn als Schlussbemerkung der Studie „Geschäftsmodelle 2020“ der Unternehmensberatung Ernst & Young heißt es: „Letztendlich gibt es aber kein Patentrezept.“ Jedes Unternehmen müsse seine eigene Strategie definieren und Geschäftsmodelle festlegen, mit denen es in Zukunft erfolgreich sein kann. Hinweise „Wie in der Energiewirtschaft zukünftig noch Geld verdient werden kann“ – so der Untertitel der Studie – liefert sie aber allemal.

Für die etablierte Energiewirtschaft hat die Studie eine Botschaft: Die Branche wird in den kommenden Jahren nicht untergehen, gleichwohl wird sie sich wandeln. Fünf Megatrends in der Energieversorgung hat Ernst & Young für die Zukunft ausgemacht. „Auch für die kommenden Jahre erwarten wir, dass die Branchenstruktur mit einer Vielzahl von Marktteilnehmern erhalten bleiben wird.“ Dieser Trend ist nicht unbedingt neu, aber er wird in der Studie als solcher bezeichnet. Grund ist, dass Städte und Gemeinden auf Stadtwerke nicht verzichten wollen. Da nicht mehr jedes Stadtwerk alles selbst erledigen kann, führt dies zu einer zunehmenden Bedeutung von Partnerschaften und Kooperationen – ein weiterer Trend.

Die Märkte werden sich weiter aufspalten

Die Märkte werden sich weiter aufspalten, so der dritte Trend. „Verantwortlich dafür sind zum einen die Vorschriften zum Unbundling, die zu einer weitreichenden Trennung von Wertschöpfungsstufen geführt haben“, heißt es in der Studie. Zum anderen wird die Fragmentierung der Märkte durch die zunehmende Spezialisierung und Komplexität der leitungsgebundenen Energieversorgung vorangetrieben. Zudem wird der Kunde verstärkt in den Mittelpunkt rücken, Trend Nummer vier. Das Angebotsportfolio muss verstärkt auf den Kunden zugeschnitten werden. Aktive Prosumer mit Solaranlagen müssen anders betreut werden als konservative Stromabnehmer, die eigentlich in Ruhe gelassen werden wollen, aber bei Bedarf doch eine persönliche Ansprache suchen.

Als fünften Treiber sieht die Studie die Digitalisierung. Die Digitalisierung wird die Energieversorgung revolutionieren. So werden zwar schon zahlreiche Aufgaben digitalisiert erledigt wie die Steuerung von virtuellen Kraftwerken und regelbaren Ortsnetzstationen (Ront) oder die Nutzung von Apps für die Kundeninformation oder automatisierte Zählerablesung.

„Und dennoch werden die Vorteile der Digitalisierung von den Unternehmen der Energiewirtschaft bei Weitem noch nicht in vollem Umfang genutzt“. Bislang sei der Digitalisierungsgrad eher durchschnittlich, so Ernst & Young. Ursache ist vor allem das fehlendes Know-how der Unternehmen. Für die kommenden Jahre erwarten die Berater, dass die Digitalisierung die Energiewirtschaft im Vergleich zu anderen Branchen mit am stärksten verändern wird.

Chancen und Bedrohungen anhand der Wertschöpfungskurve

Anhand der Wertschöpfungskette zeigen die Autoren die Chancen und Bedrohungen auf. Beim Vertrieb sehen sie zwei Möglichkeiten, um auch künftig im Wettbewerb zu bestehen. Die Optimierung der bestehenden Geschäftsmodelle und die Erschließung neuer Erlösmöglichkeiten, „indem sich Energieversorger im Vertrieb vom Commodity-Anbieter zum Dienstleistungsanbieter und Lösungspartner entwickeln“. Möglichkeiten bieten sich dabei in der Erweiterung des Dienstleistungsangebotes im Bereich Erzeugung, Effizienz oder Wärme. Darüber können Stadtwerke Geschäftsmöglichkeiten wie Gebäudetechnik und -management bis hin zur Verkehrstechnik erschließen. Die Zusammenarbeit mit anderen Unternehmen bietet sich hier an. Versorger können beispielsweise auf White-Label-Lösungen zurückgreifen wie Solarpachtangebote. Oder sie vermarkten als Zwischenhändler Angebote von größeren Versorgern – über einen so genannte B2B2C-Ansatz. Dabei bieten kleinere Unternehmen parallel Produkte an, die größere Partner entwickelt haben und auch selbst vertreiben.

„In keinem Sektor werden so viele junge Unternehmen gegründet wie in der Energieversorgung“

Dabei stoßen die Versorger aber auf starke neue Anbieter, vor allem junge Unternehmen wollen in diesen Markt. „In keinem anderen Sektor werden so viele neue, junge Unternehmen gegründet wie in der Energieversorgung.“ Start-ups im Energiebereich setzten häufig auf die Erzielung von First-Mover-Vorteilen, indem innovative Ideen schnell am Markt realisiert würden. Als Beispiel nennt die Studie das Unternehmen Next Kraftwerke und ihre Idee der Poolung von dezentralen Kraftwerken zu einem virtuellen Kraftwerk oder den Online-Heizungsbauer Thermondo. Der Vertrieb ist dabei das Geschäftsfeld, in dem sich die neuen Player bislang noch am meisten erhoffen, dabei können diese durchaus alte Bekannte sein wie die Postbank, Deutsche Telekom, Lichtblick oder Baywa.

Im Verteilnetz sehen die Autoren, vor allem durch die Dezentralisierung, Veränderungen auf die Betreiber zukommen. Die neue Energiewelt sei für den Verbraucher eine Energiewelt „en miniature“, schreiben sie. Die Erzeugung rückt enger an den Verbraucher heran und lässt eine Vielzahl autarker, lokaler Gemeinschaften entstehen. Lokale Arealnetze und Marktplätze verbinden dezentrale Erzeugung und Speicher. „Die steigende Anzahl von Microgrids beziehungsweise Arealnetzen stellt daher einen weiteren Megatrend im Bereich der Netze dar“. Die Verbreitung dezentraler Erzeugungseinrichtungen wird zu einer Abkopplung von immer mehr Quartieren und kleineren Netzgebieten führen, die durch Dienstleister oder in Eigenregie betrieben werden wie beispielsweise durch die Getec.

Veränderungen, Unsicherheit und Komplexität als „business as usual“

Bei der Erzeugung sieht Ernst & Young weiterhin einen Ausbau der erneuerbaren Energien und dezentralen Anlagen. Der derzeitige Energy-only-Market ohne Preisobergrenzen, den die Bundesregierung mit dem Strommarktgesetz in diesem Jahr etabliert hat, stellt für die Berater kein Hemmnis beim Zubau von Erzeugungskapazitäten dar. Speicherlösungen/Elektromobilität und Power to X (X steht für Heat, Gas, Liquid) sind immer mehr auf dem Vormarsch. Vor allem Power to Heat ist aktuell als Trend zu sehen. Die konventionelle Erzeugung wird zunehmend über industrielle Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen erfolgen, wodurch die Anzahl der Anlagenbetreiber ansteigt. Aber: „Das Pooling wird zu einem gegenläufigen Effekt führen. Einige wenige Händler werden eine Vielzahl dezentraler Erzeugungsanlagen, Speicher und abschaltbarer Lasten unter Vertrag nehmen und vermarkten.“ Skaleneffekte werden eine immer wichtigere Rolle bei der Erzeugung spielen. Im Bereich der erneuerbaren Energien wird der Kostendruck durch sukzessive Absenkung der Einspeisevergütungen, Ausschreibungsmodelle und weitere Professionalisierung zunehmen. Dadurch nimmt die Bedeutung von Skaleneffekten im Bereich der konventionellen Erzeugung, der Erneuerbaren und des Poolings zu.

Die Autoren weisen in ihrer Schlussbemerkung darauf hin, dass die Unternehmen handeln müssen − und zwar rasch. Entscheidend sind dabei der Wille zu grundlegenden strukturellen Reformen und die Bereitschaft, im Unternehmen eine ausgeprägte Innovations- und Umsetzungskultur aufzubauen.“ Schnelle Veränderungen, Unsicherheit und Komplexität müssen als „business as usual“ akzeptiert werden. „Jeder Einzelne muss den Willen haben, diesen Wandel aktiv und konstruktiv mitzugestalten — trotz aller vermeintlichen Hemmnisse und Widerstände.“

Autor: Stefan Sagmeister

Zur Studie:
http://www.ey.com/Publication/vwLUAssets/EY-Studie-Geschaeftsmodelle-2020/$FILE/EY-Studie-Geschaeftsmodelle-2020.pdf
(PDF, 4 MB)