Studie über den Wärmemarkt veröffentlicht

In einer Studie hat das Beratungshaus Roland Berger die Entwicklungen im Wärmesektor untersucht und dabei vier Trends herausgearbeitet, die auch Versorger und Netzbetreiber betreffen.
nach Quelle: E&M PowerNews, 19. Mai 2017
Entscheidend sind vier Trends auf dem künftigen Wärmesektor, die sich gegenseitig beeinflussen und verstärken werden, so das Credo einer Analyse von Roland Berger mit dem Namen „Wärmewende in Sicht“: Der erste ist demnach die Dekarbonisierung als Grundvoraussetzung für das Erreichen der Emissionsziele. Dazu kommen Digitalisierung und neue Technologien, die das Energiesystem insgesamt effizienter und intelligenter steuerbar machen und so die Dekarbonisierung überhaupt erst ermöglichen. Drittens rechnen die Experten des Beratungshauses damit, dass es eine deutliche Dezentralisierung geben wird, bedingt durch den weiteren Ausbau der − meist dezentralen − erneuerbaren Energien.
 
Der vierte Trend ist die engere Verzahnung der Sektoren, die nicht nur durch den Klimaschutzplan 2050 forciert wird, sondern vor allem durch neue Technologien getrieben wird. Beispiele dafür sind Power-to-Heat-Anlagen (P2H oder auch Power-to-Gas-Anlagen (P2G). Zur kurzfristigen Speicherung von überschüssigem Strom kommen zunehmend dezentrale Stromspeicher in Elektroautos oder Gebäuden zum Einsatz. Sektorübergreifend ist auch die Nutzung von Abwärme aus Industrieanlagen für die Wärmeversorgung.
 
„Der Wärmemarkt wird in den kommenden Jahren genauso umgekrempelt, wie wir es im Strommarkt gesehen haben“, sagt Torsten Henzelmann, Partner von Roland Berger. Für Wärmeversorger heißt das, dass sie die technologischen und strategischen Entwicklungen nicht nur im Wärmesektor selbst, sondern auch in den anderen Sektoren in ihre Entscheidungen einbeziehen müssen. Und dies möglichst frühzeitig, mahnt Henzelmann: „Ohne eine umfassende Wärmestrategie 2030 drohen Fehlinvestitionen in falsche Technologien, möglicherweise gehen auch ganze Kundensegmente verloren.“
 
Bereits heute betroffen seien Energieversorger, die in großen, konventionellen Heizkraftwerken Wärme produzieren und ihre Kunden über ein zentrales Fernwärmenetz beliefern. „Diese Wärme war anfangs ein Nebenprodukt der Stromerzeugung, später dann eine sichere Erlösquelle, als die Stromgroßhandelspreise sanken“, sagt Ingmar Kohl, Partner von Roland Berger. „Mit dem weiteren Ausbau von Wind- und Solarkraftwerken sinken die Preise aber noch weiter und werden zunehmend volatiler. Deshalb laufen ältere, unflexible Anlagen immer öfter im Wärme-Must-Run, das heißt, sie müssen Wärme produzieren, verlieren aber auf der Stromseite Geld.“
 
Die Roland Berger-Experten sehen daher Versorger und Netzbetreiber vor allem in der Pflicht, mit der hohen Komplexität der Energiesysteme umgehen zu lernen: „Nur dann können sie die durch neue Technologien und Sektorübergreifendes Denken entstehende Flexibilität in einer dezentralen Erzeugungs- und Verbrauchsstruktur optimal nutzen“, sagt Henzelmann. Außerdem sei es dann nicht mehr sinnvoll, Strom-, Gas- und Wärmenetze weiter parallel auszubauen. „Viel wichtiger ist, die verschiedenen Versorgungsinfrastrukturen im Sinne eines Gesamtoptimums aufeinander abzustimmen. Dazu muss auch die lokale Verbraucherstruktur berücksichtigt werden und für jede Kommune eine eigene optimale Lösung gefunden werden.“
 
Je nachdem, wie schnell die Transformation der deutschen Energiewirtschaft erfolge, werde die Zeit bis 2030 von tiefgreifenden Veränderungen geprägt sein. Da der Aufbau eines Portfolios von dezentralen Lösungen viel Zeit und Ressourcen benötigt, sollten Wärmeversorger bereits heute beginnen, sich auf die Umstellung des Energiesystems vorzubereiten. „Aufgrund der jeweils spezifischen lokalen Situation der Versorger gibt es dafür keine allgemeine Blaupause, an der man sich orientieren könnte“, sagt Henzelmann. „Jedes Unternehmen muss möglichst frühzeitig seine eigene 'Wärmestrategie 2030' formulieren.“
 
Autorin: Heidi Roider