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Kongress

Textil und Zukunft

Freiheitshalle, Hof
25. Juni 2015

Bericht

Textil hat Zukunft

Textil und Zukunft – die deutsche und bayerische Textil- und Bekleidungsindustrie blickt auf schwierige Jahre des Strukturwandels zurück, heute ist sie mit innovativen Technischen Textilien sowie starken Sport- und Modemarken weltweit führend. Dies beruht auf hoher Kompetenz, unternehmerischer Leistungsfähigkeit und Innovationskraft. Mit diesen Aussagen eröffnete Dr. Markus Eder, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH, den Kongress „Textil und Zukunft“ am 25. Juni 2015 in Hof.

220 Experten aus der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie verschiedener Anwenderbranchen nutzten den Kongress für Informationen über sich abzeichnende Trends und aktuelle Entwicklungen sowie zur interdisziplinären Vernetzung. Denn Innovationen sind mehr denn je gefordert, will man auch in Zukunft wettbewerbsfähig sein. Immer kürzere Produktlebenszyklen, ein sich veränderndes Konsumverhalten, steigende Anforderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz sowie demografischer Wandel, Urbanisierung und Digitalisierung beeinflussen die Unternehmen nachhaltig. Vor allem die Digitalisierung und das Thema Industrie 4.0 ist ein branchenübergreifender Trend. Bayerns Wirtschaftsstaatssekretär Franz Josef Pschierer betonte in seiner Eröffnungsrede, dass es wichtig sei, mit entsprechenden Maßnahmen diese Themen in die Fläche und insbesondere in den Mittelstand zu tragen. Denn die Kunden sind oft „Global Player“, die bereits an der Umsetzung von Industrie 4.0 intensiv arbeiten und nicht warten, bis der Mittelstand sich mit der Thematik befasst. Um den Prozess zu unterstützen, hat die Bayerische Staatsregierung die INITIATIVE BAYERN DIGITAL auf den Weg gebracht – Bausteine sind unter anderem der Aufbau eines „Zentrums Digitalisierung Bayern“ und das Förderprogramm „Digitalbonus“. Das Zentrum soll den Rahmen für Forschung, Kooperationen und Gründungen liefern. Mit dem Digitalbonus werden Unternehmen auf allen Bereichen der Digitalisierung gefördert.

„Es ist besser zu agieren, als nur zu reagieren“, so auch die Aussage von Dr. Christian Heinrich Sandler, Präsident des Verbands der Bayerischen Textil- und Bekleidungsindustrie e.V. zum Thema Industrie 4.0. „Solche Kongresse wie der heutige sind oft der Beginn neuer Entwicklungen und Produkte“, so Sandler weiter.

Die Diskussion in Bezug auf Industrie 4.0 ist derzeit vor allem technologiegetrieben, wie Dr. Stefan Girschik, stellvertretender CEO der REHAU Gruppe ausführte. Er sieht das Thema weniger als eine Summe von Einzelanwendungen, sondern vielmehr als eine integrierte Betrachtung von Innovationen in „Smart Production“, „Smart Products“ und „Smart Services“. Die Schlüsselfrage ist die Option für neue Geschäftsmodelle. Damit ist auch Potenzial für Wachstum in Premiummärkten gegeben. Geschäfts- und Technologiestrategie sind entsprechend aufeinander abzustimmen. Das langfristige Technologiemanagement kann hierzu einen wesentlichen Beitrag leisten. Kern ist die Optimierung des Technologieportfolios und die Überprüfung der Machbarkeit. „Get out of the box!“ ist hierbei das Credo von Siemens, wie Dr. Michael Lipka, Corporate Technology, Technology & Innovation Management vorstellte. Mit der Methode „Pictures of the Future“ wird für jede Division ein Zukunftsszenario erstellt, bei dem 10 bis 15 Jahre vorausgedacht wird. Ziel ist es, radikale Änderungen in der Gesellschaft, in Technologien und Märkten frühzeitig zu erkennen und den Einfluss auf die eigene Geschäftstätigkeit zu evaluieren. Ein anhaltender branchenübergreifender Trend sind laut Lipka nach wie vor sinkende Markteintrittsbarrieren – dies ist auch für die Textil- und Bekleidungsindustrie relevant. Mit dem Voranschreiten der Digitalisierung können immer leichter und schneller neue Wettbewerber entstehen.

Selbst die Entwicklung komplexer Produkte ist heute über die Cloud möglich – Stichworte Crowdfunding und Crowdsourcing. Dies bestätigte Jan Fischer, Gründer und Geschäftsführer der innosabi GmbH. Crowdsourcing über Online-Plattformen wie von innosabi bietet vielfältigste Möglichkeiten, um Kunden, Partner, Lieferanten oder auch Mitarbeiter in den Innovationsprozess einzubinden – von der Ideengenerierung bis hin zur Konzeptphase. Das Tool eignet sich sowohl für Konsum- als auch für Investitionsgüter und Zwischenprodukte. Als Beispiele führte Fischer unter anderem die Entwicklung einer neuen Nagellackkollektion von Manhattan unter Einbindung der Endverbraucher und die Testung einer neuen Membran von Toray mit Experten über die ISPO Open Innovation-Plattform an.

Digitale Technologien bieten aber nicht nur in der Ideen- und Konzeptphase neue Möglichkeiten, sondern auch in der Produktentwicklung, der Fertigung und dem Vertrieb. Entwicklungen wie die 3D-Virtualisierung, auch in Kombination mit Technologien wie dem Digitaldruck oder dem 3D-Druck, bieten Potenzial für eine schnellere und kostengünstigere Entwicklung neuer Produkte sowie auch einer effizienten personalisierten Fertigung, wie Alexander Artschwager vom DITF aufzeigte. Der 3D-Druck findet bereits in der Kunststoff- und Metallindustrie umfangreich Anwendung. Im Textilbereich bietet er Vorteile, sobald es um Funktionsintegration, Individualisierung und/oder komplexe Geometrien geht, so Raphael Geiger vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Ein aktuelles Projekt ist unter anderem das 3D-Fiber-Printing. Ziel ist die generative Fertigung von Verbundwerkstoffen mittels der Integration von Endlosfasern in den Kunststoffstrang beim Fused Layer Modeling. Des Weiteren wird bereits an der Entwicklung des 4D-Druckes gearbeitet: die Entwicklung von programmierbaren Bauteilen, Komponenten und Materialien und damit einer Weiterentwicklung des Themas „Selbst-Assemblierung“. Vorstellbar sind unter anderem entfaltbare Implantate oder sich versteifende Ballistikprodukte.

Mit der Produktion der Zukunft befasst sich auch das BMWi-Projekt Speedfactory, das von adidas geleitet wird. Als Herausforderungen der Fertigung der Zukunft sieht Jan Hill, Director Technology Innovation bei adidas steigende Energie- und Materialkosten – selbst in China – und die immer größer werdende Kollektionsvielfalt. Mit einer dezentralen Produktion im Sinne der Industrie 4.0 beabsichtigt man, die Lieferzeiten zum Kunden zu verkürzen und eine effiziente Produktion bis zur Losgröße 1 zu realisieren. Im Projekt wird die gesamte Prozesskette als Variable gesehen. Zentrale Fragen sind u.a. „wie können verschiedene (neue) Technologien im Prozess vernetzt werden“ und „wie können Daten in der Prozesskette kontinuierlich verwendet werden“? Die Fertigung der Zukunft bedingt laut adidas auch neue Produkte – hier liegt das Potenzial der Industrie 4.0. Aktuell werden in der Produktion zukunftsweisende Technologien wie Fully-Fashioned-Knitting und Digitaldruck eingesetzt. Der 3D-Druck ist heute in der Qualität noch nicht ausreichend, besitzt aber großes Zukunftspotenzial.

Neben der Fertigungstechnologie bieten innovative polymere Materialien eine Möglichkeit, neuartige textile Produkte mit spezifischen Funktionen zu realisieren.
Hierbei kann die Bionik gute Ansätze liefern, wie Prof. Dr. Andreas Greiner, Leiter des Lehrstuhls für Makromolekulare Chemie II an der Universität Bayreuth am Beispiel von Polymerschwämmen darstellte. Sie wurden nach dem Vorbild natürlicher Schwämme entwickelt und weisen eine vollkommen neuartige Polymerarchitektur mit einer offenzelligen Struktur verbundener Poren auf. Dies erlaubt erstaunliche Eigenschaftskombinationen: extrem niedrige Dichten (< 10 g/cm3), exzellente Atmungsfähigkeit, extrem hohe selektive Medienaufnahme, superhydrophobe Eigenschaften, mechanische Flexibilität und bei Bedarf auch elektrische Leitfähigkeit und antimikrobielle Eigenschaften. Damit sind diese neuartigen Polymerschwämme vielversprechende Materialien für den Einsatz in funktionalen Textilien.

Die Digitalisierung wird letztendlich nicht nur Veränderungen in der Produktion, sondern in allen Lebensbereichen bewirken – sei es in der Mobilität, der Arbeitswelt, der Gesundheitsversorgung oder den Städten von morgen. Das Thema beeinflusst somit auch wichtige Anwendungsfelder funktioneller Textilien wie Heim und Haus, das Bauwesen und die Mobilität.

Bis 2020 werden Prognosen zufolge 26 Milliarden Dinge über das Internet vernetzt sein. Ein wichtiger Zukunftsmarkt ist das „Smart Home“. Das vernetzte Wohnen bietet vielfältige Lösungen von der intelligenten Haussteuerung bis zum selbstständigen Leben im Alter. Das Problem ist nach wie vor, dass es keine einheitliche Bedienbarkeit/-elemente gibt. „Deshalb haben sich die Produkte bisher nicht am Markt durchgesetzt“, so die Aussage von Sven Kielgas, Vorstand, Connected Living e.V.

Textilien könnten im Smart Home ein gutes Interface sein. In Zusammenarbeit mit dem Design Research Lab der Universität der Künste Berlin wurden verschiedenste intuitive Bedienelemente auf Textilbasis entwickelt, wie beispielsweise ein interaktiver Vorhang. Laut Studien werden bis 2020 30 Prozent der Neubauten mit Smart Home-Lösungen ausgestattet sein. Die Grenzen zum Bauwesen sind damit fließend. Schlagworte sind hier derzeit Urbanisierung, Textilbeton, Energieeffizienz, Gebäudesanierung, Smart Cities (Vernetzung von Mobilität und Infrastruktur) und Recycling. Die Energieeffizienz ist aktuell ein wichtiges F&E-Gebiet, auch in Anbetracht der Energiewende und der damit volatileren Energieversorgung. „Ziel ist es, Gebäude mit einer energieoptimierten Hülle zu entwickeln“, erklärte Jan Peter Hinrichs, Geschäftsführer der Fraunhofer-Allianz Bau. Hierzu können Textilien einen wichtigen Beitrag leisten. Für die Klimatisierung sind zudem neue Lösungen wie Klimasegel vorstellbar.

Im Automobilbau finden Textilien heute in unterschiedlichsten Funktionen Anwendung: im Innenraum für Wertigkeit und Komfort, im Leichtbau für eine nachhaltige Mobilität oder in der Filtration für eine saubere Luft. Das Automobil wird in Zukunft unverändert ein wichtiger Verkehrsträger für die individuelle Mobilität sein, auch wenn sich das Mobilitätsverhalten der Menschen in den nächsten Jahren gravierend ändern wird: Das Automobil wird mehr und mehr zum Bestandteil eines vielfältigen Portfolios an Mobilitätsdienstleistungen, in dem verschiedene Verkehrsträger in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Die veränderten Erwartungen der Kunden und neue Technologien werden zu einer Wertschöpfungsverlagerung im Produkt Auto führen – weg vom eigentlichen Fahrzeug hin zu elektronik- und softwaregetriebenen Innovationen. So ist die Funktionsintegration für die Realisierung von Komforteigenschaften aktuell ein wichtiges Thema, wie Thomas Regnet, Geschäftsführer, Scherdel INNOTEC Forschungs- und Entwicklungs-GmbH ausführte. Möchte man als Textilunternehmen an diesem Zukunftsmarkt partizipieren, so sei die Internationalisierung des eigenen Geschäftes ein Muss, genauso wie eine mittel- und langfristige Planung. Ein schneller Return on Invest innerhalb von drei Jahren wäre hier zu kurzfristig geplant. Ein weiterer wichtiger Aspekt sei in diesem Zusammenhang auch die in der Automobilbranche gängige Kostenoffenlegung. Aktuelle Trends sind im Automobilbau des Weiteren autonomes Fahren, Share Economy, Connectivity und Leichtbau. Hier bieten sich vielfältige Potenziale für die textile Kette.

Fachlicher Ansprechpartner
Christina Harwarth
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