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Symposium mit begleitender Fachausstellung

Bau Innovativ

Veranstaltungsforum F├╝rstenfeld
03. November 2016

Bericht

Trotz süddeutscher Herbstferien lockte das 5. Symposium „Bau Innovativ 2016“ erneut 180 Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Forschung und öffentlicher Hand nach Fürstenfeldbruck. Die Teilnehmer zeigten sich begeistert von der Qualität der Vorträge sowie den zahlreichen Möglichkeiten für interdisziplinären Dialog, Ideen und Kontakte für zukünftige Kooperationsvorhaben im Innovationsfeld Bau. Die Ausrichtung des Symposiums wurde durch eine enge Zusammenarbeit der Cluster Energietechnik und Neue Werkstoffe mit den bayerischen Bauverbänden und namhaften Bauexperten geprägt, so Dr. Matthias Konrad, Leiter Material, Bayern Innovativ GmbH. Damit wurde eine breite Basis für Zukunftsthemen wie „Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und ganzheitliche Urbanisierung“ geschaffen, die Architekten und Planer, die Bauausführenden, aber auch die wissenschaftliche Seite und die öffentliche Hand gleichermaßen beschäftigen. Als Megatrends und zentrale Themen des 21. Jahrhunderts stellen sie die Baubranche vor neue Herausforderungen, bieten aber auch Chancen, durch Innovation und Kooperation auf dem Markt zu bestehen. Antworten auf komplexe Fragen würden eine Vernetzung der Baubranche erfordern, vor allem im Hinblick auf die jüngste Tendenz aus der Politik, Investoren Vorgaben für eine Verwendung bestimmter Baumaterialien zu machen, wie Dr. Hannes Zapf, Vorsitzender der Kalksandsteinindustrie Bayern e. V. betonte.

Insbesondere das Thema „Bezahlbarer Wohnungsbau“ zog sich wie ein roter Faden durch das Symposium. Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Landesverbandes Bayerischer Bauinnungen plädierte in seinen Grußworten für bezahlbaren Wohnungsbau mit nachhaltigen, robusten, rückbau- und recyclingfähigen Baustoffen. Innovative Produktionsprozesse sollen die Produktivität weiter steigern und damit die Kostenexplosion durch komplexe Haustechnik teilweise kompensieren.

Auch für die Modellvorhaben des bayerischen experimentellen Wohnungsbaus spielt die Bezahlbarkeit eine zunehmend wichtige Rolle, wie Ministerialrätin Karin Sandeck von der Obersten Bayerischen Baubehörde ausführte. Die Modellvorhaben sollen den Wohnungsbau und die Wohnraumförderung aber auch im Hinblick auf soziokulturelle Veränderungen und technische Innovationen weiterentwickeln (z. B. „Gemeinsam Bauen und Leben“, „Wohnen in allen Lebensphasen“, „Innerstädtische Wohnquartiere“, „Energieeffizienter Wohnungsbau“ und „effizient bauen, leistbar wohnen“).

Insbesondere die Anforderungen an energieeffizientes Bauen würden über die neue EnEV verschärft, letztendlich ließe sich Energiesparendes Bauen aber nur in engem Zusammenspiel mit den Nutzern optimieren, wie Sigismund Mühlbauer, GEWOFAG AG anhand des Forschungsprojektes Riem erläuterte. Durch den Vergleich verschiedener haustechnischer Standards baugleicher Wohngebäude konnten Rückschlüsse auf die Energieeffizienz der einzelnen Systeme und Nutzerverhalten gezogen und entsprechende Erkenntnisse gewonnen werden: Technische Anlagen sollten aufgrund hoher Investitions- und Wartungskosten möglichst einfach konzipiert werden. Da der Mieter technische Einrichtungen nicht richtig nutzt, müssen diese entweder so konzipiert werden, dass der Mieter keinen Einfluss darauf hat oder es sollen einfache innovative Lösungen eingesetzt werden – im Sinne von „Mieter sind keine Ingenieure – der Mensch muss mitspielen können“.

Auch innovative Energiekonzepte wie intelligentes Gebäudemanagement zur Flexibilisierung von Strombezug und Wärmeerzeugung lassen sich nur dann am Markt etablieren, wenn der Nutzer keine Komforteinbußen durch sie erfährt. Geeignete Maßnahmen sind für Prof. Dr.-Ing. Ulrich Wagner, Ordinarius des Lehrstuhls für Energiewirtschaft und Anwendungstechnik, TU München die Senkung des Nutzenergiebedarfs, Power-to-Heat-Potenziale (Gebäude als Wärmespeicher), Hochtemperatur-Brennstoffzellen zur Gebäudeversorgung, netzdienlicher Einsatz von Brennstoffzellen, Micro-Market als Zusammenschluss von Smart Homes und energieautarke Elektromobilität im Smart-Micro-Grid. Durch die Kopplung von Strom- und Wärmesektor profitieren beide Seiten, da ein großer Teil der Raumwärme durch erneuerbaren Strom gedeckt werden kann und anderseits Gebäude mit intelligenten Heizungssystemen das Stromsystem unterstützen können. In diesem Technologiefeld gibt es noch viel zu tun: F&E zur digitalen Koppelung von Gebäuden, Stromnetz und Datensicherheit sowie Schaffung von Anreizsystemen, wie z. B. flexible Strompreise für Endkunden. Diese sollten auch zukünftig in der Lage sein, sich ihren Wohnraum leisten zu können.

Hier sind innovative Konzepte gefragt, thematisiert in einer Podiumsdiskussion unter der Moderation von Werner Lauff. Wie hoch ist der Bedarf und was sind Voraussetzungen für bezahlbaren Wohnungsbau? Alexander Lang, Stadtplaner bei der Landeshauptstadt München diagnostizierte einen gigantischen Bedarf – für ihn ist die Bezahlbarkeit mit über 15 €/m² Mietpreis im Ballungsraum München überschritten, da sich dies über 50 % der Haushalte nicht leisten könnten. Für Ministerialrätin Karin Sandeck tut sich hier ebenfalls eine große Lücke in der breiten Mittelschicht auf und auch Reinhard Zingler, Vorstand der Joseph-Stiftung bestätigte dies durch seine Einschätzung, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Ein geringes Angebot treffe auf einen hohen Bedarf. Gesetzliche Vorschriften wie z. B. die TA Luft würden den Wohnraum zusätzlich verteuern. (Nach)verdichtung scheiterte oftmals an Bürgerklagen. Andreas Eisele, Präsident des BFW Bayern e.V. beklagte das mangelnde Angebot an und den schnellen Zugang zu freien Grundstücksflächen in Ballungsräumen. Hier könne eine Erhöhung der steuerlichen Förderung Anreize für private Kapitalgeber schaffen, in den Mietwohnungsbau zu investieren.

Gibt es weitere Ideen, innovative Lösungen und Visionen zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums? Auch für Alexander Lang spielen steuerliche Anreize eine wichtige Rolle, ebenso wie die Schaffung bezahlbarer und massentauglicher energetischer Lösungen im Bestand. Dafür müssten Abstriche bei der Wohnungsgröße und –ausstattung (z. B. keine Autostellplätze) in Kauf genommen werden. Des Weiteren solle der konzeptionelle Mietwohnungsbau gestärkt werden. Für Reinhard Zingler wäre ein Lösungsansatz „Einfacher werden, aber ohne Komforteinbußen“. Damit stimmte er mit Prof. Dr.-Ing. Ulrich Wagner überein, der zu komplexe und teure technische Systeme aus Nutzersicht in Frage stellt. Der Trend gehe in Richtung „robuste“ Lösungen und hier sei die die Technologieoffenheit aller Akteure erforderlich. Aus Sicht von Ministerialrätin Karin Sandeck wäre mehr insbesondere wirtschaftspolitische Kontinuität bei der Umsetzung und Weiterführung innovativer Konzepte zielführend. Neben all diesen Aspekten stehe Wohnraum für „Lebensraum“, so Gerhard Zäh, Vizepräsident des VGL Bayern. der sich für mehr „Grün in der Stadt“ z. B. Dachbegrünungen zur Förderung der Lebensqualität in Ballungsräumen aussprach.

Lebensqualität und soziokulturelle Veränderungen spielen auch für Alexander Lang bei seinem Blick auf die ganzheitliche Planung der Stadt München eine tragende Rolle. Nachhaltige Verkehrs- und Wohnungsumstrukturierung werden bei einem Plus von 400.000 Einwohnern in 15 Jahren in die Münchner Stadtentwicklung einfließen müssen (z. B. Mobilitätskonzepte zur Umwandlung freiwerdender Verkehrsflächen in Wohnraum). Antworten auf Herausforderungen der Münchner Stadtentwicklung könnte die digitale Transformation liefern – anhand des Leitprojektes „Smarter Together“ Projektgebiet „Smart City München“ mit innovativen Konzepten wie „Smart Mobility, Services, Platform, Labs etc.“.

Einige dieser Aspekte griff auch Astrid Achatz, Geschäftsführerin der Fraunhofer-Allianz Bau bei ihren Ausführungen zur „ForschungsWerkStadt“ auf. Die Stadt von morgen steht im Spannungsfeld unterschiedlicher Anforderungen an Lebensräume und Ballungsräume. Die Bauwirtschaft ist aufgerufen, mit Partnern aus Forschung und weiteren Kompetenzträgern bestmögliche Lösungen anzubieten. Dabei spielen branchenübergreifendes Wissen und vernetztes Denken eine entscheidende Rolle, so Astrid Achatz.

„Flexibel und offen sein, in Netzwerken und Lösungsräumen jenseits bekannter Grenzen denken, Einsatz zeigen“, dies sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für zukunftssichere Unternehmen, so Thomas Strobel, Geschäftsführer der FENWIS GmbH.  Für ihn bieten u. a. folgende Handlungsfelder Zukunftschancen für die Baubranche und Architektur: Funktionsintegrierte Bauteile für smarte Gebäude, Flexible Gebäudenutzung, Gebäude-Updates über modulare Bauweise, Naturnahe Baustoffe für gesundes Wohnen, Ressourceneinsparungen (z. B. neue Materialien wie Textilbeton, Mehrfachwassernutzung), BIM als Plattform für nachhaltiges Gebäudemanagement (planen, bauen, betreiben, umbauen, aktualisieren, recyceln).

Die Digitalisierung werde in naher Zukunft verstärkt Einzug im Bauwesen halten, so Dr. Jan Tulke, Geschäftsführer von planen-bauen 4.0 – und BIM (Building Information Modeling) liefere das Werkzeug dazu. Die planbasierte Arbeitsweise werde von der modellbasierten Arbeitsweise abgelöst werden, die neue und noch ungeahnte Möglichkeiten in Planung und Umsetzung bietet und eine steigende Nachfrage nach BIM durch alle beteiligten Akteure erwarten lässt. Für Vorreiter der Branche wäre BIM daher ein Wettbewerbsfaktor. Mit dem Stufenplan Digitales Planen und Bauen des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur soll BIM bis 2020 in Deutschland eingeführt werden.

Für Thomas Rampp, Geschäftsführender Gesellschafter der Lang Hugger Rampp GmbH bietet BIM neue Chancen für Qualität und Kreativität wie z. B. „Parametrisches Modellieren“ von Freiformen. Der Mensch stehe auch weiterhin mit seiner intuitiven Interaktivität (Übersetzung zwischen Kopf-Hand-BIM) im Mittelpunkt. BIM sei ein wesentlicher Schritt, um technische Planung (CAD) und wirtschaftliche Planung (AVA) zu vereinen sowie die Schnittstelle zwischen Planenden und Ausführenden zu verbessern. Mögliche Schwächen liegen für ihn im System („Der Billigste gewinnt“), und nicht in der Software. Optimierungspotenziale liegen dennoch in der Auswertung von Massen und in der fehlenden Permanenz.

Auch Martin Fischnaller, AJG Ingenieure GmbH betrachtet BIM als effizientes Planungswerkzeug, das bereits heute einen einigermaßen durchgängigen Workflow an einem Gesamtmodell erlaubt.  Durch die Qualitätssteigerung des durchgängigen Planungsprozesses wird der Gesamtprojektablauf effizienter, Leistungsstörungen werden vermieden, Schnittstellen reduziert und Planungssicherheit wird zu einem früheren Zeitpunkt erreicht. Grenzen liegen in Anwendungen von Modellierungstools wie z. B. Gelände, Kurven, Layouts, Bewehrung. Weitere Grenzen bilden Varianten und konkurrierende analytische Modelle, Schnittstellen (open BIM) und die Zusammenarbeit im Planungsteam (Big BIM). Die Digitalisierung erfasst zunehmend auch weitere Bereiche wie die Erfassung und Bewertung der Umweltdaten von Bauprodukten. 

In Umwelt-Produktdeklarationen (EPDs) wird mit einem Programm die Umweltleistung von Bauprodukten beschrieben, wie Dr.-Ing. Burkart Lehmann, Geschäftsführer des IBU e.V. aufzeigte. Die verifizierten Ergebnisse münden in die sog. ÖKOBAUDAT, eine öffentliche, kostenfreie Datenbasis für die Ökobilanzierung von Bauwerken. Das Online-Bilanzierungstool eLCA dient ebenfalls zur Erstellung von Ökobilanzen für Gebäude.

In diesem Zusammenhang warf Prof. Florian Musso, Lehrstuhl für Baukonstruktion und Baustoffkunde, TU München, einen kritischen Blick auf “Grüne” Architektur. Immer mehr Gebäude würden unter Labels wie “nachhaltig”, “plus-Energie” oder “DGnB zertifiziert” errichtet. Die Ergebnisse jedoch überzeugten selten ganz. Die Optimierung eng begrenzter Teilbereiche vernachlässige die integrative Qualität guten Bauens und seine zeitliche Dimension – Architektur. Tendenzen wie die alternde Gesellschaft, steigende Komplexität technischer Systeme und globale Märkte müssten auf eine Art und Weise ausgelegt werden die den Fortbestand von Architektur sichert.

Einen neuen revolutionären Ansatz zu einem Paradigmenwechsel im Bauwesen und Architektur liefert Roy Thyroff, Geschäftsführer der V. Fraas Solutions in Textile GmbH mit einer neuartigen Liaison aus Beton und Carbon. „Mit Carbonbeton denken wir das Bauen neu. Aufgrund der geringeren Bauteildicken werden künftige Bauwerke filigraner und flexibler. Eine neue Formensprache in der Architektur wird entstehen. Es wird möglich sein, dass die Bauwerke noch besser an verändernde Nutzungsanforderungen angepasst werden und sich zukünftig stärker auf zusätzliche Funktionalitäten ausrichten lassen,“ so Roy Thyroff.

Ideen, neue Ansätze und Projektvorhaben im Technologiefeld Bau sollen zukünftig in Projekt-/Netzwerkaktivitäten unter Federführung der Bayern Innovativ in enger Zusammenarbeit mit den bayerischen Bauverbänden und weiteren Interessierten vertieft und fortgeführt werden. Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen können sich am Aufbau des Netzwerks beteiligen. Gerne stehen wir Ihnen als Ansprechpartner zu Verfügung, so Dr. Robert Bartl, Leiter des Clusters Energietechnik, Bayern Innovativ GmbH.

Konzeption und Organisation des Symposiums erfolgten in enger Zusammenarbeit der Bayern Innovativ GmbH mit dem Bayerischen Bauindustrieverband, dem Bayerischen Industrieverband Steine und Erden, dem Bayerischen Ziegelindustrieverband, den Bayerischen Baugewerbeverbänden, der BetonBauteileBayern, dem InformationsZentrum Beton, der Kalksandsteinindustrie Bayern, dem Landesverband Bayern des Bundesverbandes Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen, dem Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Bayern und mit umfassender Unterstützung des Bayerischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Als ideelle Partner waren die Bayerische Architektenkammer und die Bayerische Ingenieurekammer-Bau eingebunden.

Fachlicher Ansprechpartner 
Regina Merz
Tel. +49 911-20671-146
Fax +49 911-20671-733