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17. Jahreskongress

Zulieferer Innovativ
universum auto – zukunft gestalten.

BMW Welt, München
06./07. Juli 2015

Bericht

Bereits zum 17. Mal fand dieses Jahr der von Bayern Innovativ ausgerichtete Kongress Zulieferer Innovativ statt. In 17 spannenden Vorträgen sowie einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion aus Politik, Wirtschaft und Forschung erfolgte ausgehend von aktuellen Megatrends eine auf die Automobilbranche fokussierte Verdichtung bis hin zu dezidierten Technologien und Innovationen. Die BMW Welt in München bot hierbei über 470 Teilnehmern aus 15 Ländern und 30 Ausstellern den perfekten Rahmen zum Wissenstransfer und ausgiebigen Netzwerken.

Die Automobilindustrie steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Über Jahrzehnte perfektionierter Technologien wie der Verbrennungsmotor verlieren möglicherweise hinsichtlich Elektrifizierung an Bedeutung. Zudem drängen neue Player wie Google oder Apple in den Markt. „Die Automobilbranche muss sich diesen Herausforderungen stellen. Schließlich wollen wir nicht nur DER sein, der weiß wie ein Auto aussehen muss und wie man es richtig baut, sondern wir wollen auch DER sein, der am Ende damit Geld verdient“ betonte Herr Dr. Markus Eder, Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH, anlässlich der Eröffnung von Zulieferer Innovativ 2015.

Zukunft verstehen

Wie verändert sich die Welt und unser aller Verhalten? Dies ist die zentrale Frage, wenn wir die Zukunft verstehen wollen, um Weichen richtig zu stellen. Dr. Jörg Wallner, Director Innovation, Management & Consulting bei der 2b AHEAD ThinkTank GmbH versuchte in seinem Vortrag „Lebenswelten der Zukunft“ antworten zu geben. Zukunft gleich Mobilität, Web gleich Sozial, Nutzer gleich Produzenten, Sozial gleich Mobil jedoch Mobil nicht gleich Unterwegs! Mit diesen Schlaglichtern startete Herr Wallner seinen Ausblick in die Zukunft und gab anhand zahlreicher technologischer und gesellschaftlicher Beispiele Eindrücke aber auch Empfehlungen für den Weg in die Zukunft.

Aufbauend auf die Ausführungen von Herrn Dr. Wallner konkretisierte Dr. Simon Ernst, Senior Engineer Strategie und Beratung am fka Forschungsgesellschaft Kraftfahrtwesen mbH Aachen die Auswirkungen von Megatrends auf die Automobilindustrie. Er zeigte hierbei, wie eine Übertragung der Megatrends über unterschiedliche Treiber hin zu dezidierten Forschungsthemen funktionieren kann und verdeutlichte dies u.a. an den Beispielen Sicherheit und hochautomatisiertes Fahren.

Mobilitätswandel gestalten

Mobilitätswandel gestalten! Unter diesem Motto stand die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion. Neben politischen Vertretern wie die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner und EU-Kommissar Günther Oettinger nahmen zudem der BMW-Vorstand Peter Schwarzenbauer, Continental-Vorstand Helmut Matschi, VDA Geschäftsführer Dr. Ulrich Eichhorn sowie Professor Markus Lienkamp von der TU München teil. Im Kontext Vernetzung und Digitalisierung sei der IT-Fachkräftemangels am Standort Deutschland ein wichtiges Thema – so Oettinger. Hier müsse bereits an den Universitäten für ein Mehr an IT- Studienplätzen gesorgt werden.

Aber auch die technologischen Treiber Elektromobilität und hochautomatisiertes Fahren sowie Internationalisierung wurden adressiert. So steht Prof. Lienkamp Hybrid-Fahrzeugen eher skeptisch gegenüber, da diese aufgrund der „Doppelauslegung“ des Antriebsstrangs und einer damit einhergehenden Gewichtszunahme Nachteile mit sich bringen. VDA Vertreter Dr. Eichhorn betonte jedoch, dass diese Technologie aufgrund der Reichweitenthematik die höchste Kundenakzeptanz erfährt.

Impulse setzen

Die letzte Session des ersten Kongresstages gab einen ersten Ausblick auf die Schwerpunkte des zweiten Tages. Neben der automobilen Wertschöpfung wurde das Fahrzeug aus psychologischer Sicht, aber auch die Technologien von morgen beleuchtet.

Christoph Stürmer, Autofacts Global Lead Analyst bei PwC zeigte eine Vielzahl von Analysen und Prognosen für die Automobilbrache. Eine der wichtigsten Aussagen war hierbei, dass die Zulieferindustrie – aufgrund einer zunehmenden Verschiebung der Wertschöpfung – noch stärker als die Volumen der Automobilhersteller wachsen kann.

Den Zahlen und Fakten aus Analysten Sicht folgte der subjektive Faktor im Fahrzeug. Prof. Dr. Claus Christian Carbon vom Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Bamberg präsentierte, wie die Industrie von der psychologischen Forschung profitieren kann. Anhand unterschiedlichster „Tools“ präzisierte Prof. Carbon, wie Markenerkennbarkeit oder Kunden-Akzeptanz von Innovationen fundiert erfasst und genutzt werden können.

Immer die neuesten Technologien im Blick. Dies ist die Berufung von Sascha Pallenberg, Techblogger und Conultant aus Taipeh. Rund um die Welt ist er auf der Suche nach Technologietrends der Zukunft. Die Frage nach dem „Next Big Thing“ beantwortete Pallenberg wie folgt: „Getrieben von der rasanten Entwicklung der Unterhaltungselektronik, aber auch aufgrund enormer Datenmengen bei hochautomatisierten Systemen wird das Fahrzeug zukünftig immer mehr zum rollenden Hochleistungsrechner werden, der bereits heute mehr Rechenleistung hat als alle Computer Nordamerikas in den 80er Jahren zusammen. Unsere Computer werden somit nicht mehr unter unseren Schreibtischen, sondern als Hochleistungsserver in unseren Garagen stehen.“

Kunden und Märkte erschließen

Wie kommt man vom Megatrend zu einer funktionierenden Strategie? Diese Frage stellt sich die gesamte Branche. Ein Weg, dieser Frage zu begegnen ist eine objektive Bewertung der Unsicherheiten, eine entsprechende strategische Haltung sowie Bewegung bzw. Aktion. Dr. Jürgen Stahl, Leiter der Unternehmensplanung bei der Brose Fahrzeugteile GmbH schilderte eindrucksvoll, wie ein derartig strukturierter Prozess im Hause Brose gelebt wird. „Es ist auch okay, sich bewusst dafür zu entscheiden an einer Stelle aktuell nichts zu tun, um seine vorhandenen Ressourcen bestmöglich einzusetzen“, so Dr. Stahl.

Wenn man aktuell von Kunden und Märkten spricht, kommt man am Thema Sharing Economy nicht vorbei. Michael Kuhndt, Leiter des Zentrums für nachhaltigen Konsum und Produktion am  cscp-Institut referierte als einer der anerkannten Sharing-Experten darüber, ob und wie Sharing-Modelle die Branche beeinflussen werden. Neben dem immer stärker werdenden „Sustainable Lifestyle“ der Endkunden gilt die Urbanisierung als einer der stärksten Treiber von Car-Sharing. Zusätzlich zur Automobilindustrie beschäftigen sich jedoch auch branchenfremde Firmen wie IKEA, Aldi oder Nestlé mit den Vorteilen des „Teilens“ – und dies zum Teil auch mit Blick auf die Mobilität.

Zum Abschluss der Session stellte Herr Tamim Belhaj noch einmal den Endkunden in den Mittelpunkt. Das Human Machine Interface, kurz HMI bildet die Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Mensch und ist daher direkt für das haptische, optische und subjektive Empfinden des Nutzers verantwortlich. Bei der Konzeption müssen daher verschiedene „technische Domänen“ betrachtet werden sowie ihre Übersetzung in Richtung Benutzer.

Chancen durch neue Technologien nutzen

PRODUKTION:

Der Vortragsblock „Chancen durch neue Technologien nutzen“ startete mit dem Thema Produktion. Die Automobilproduktion von morgen wird wachsen und noch globaler und flexibler sein, mit gesteigerter Produktivität und optimalem Ressourceneinsatz. Das geflügelte Wort in diesem sowie im Kontext der Digitalisierung heißt - Industrie 4.0. Wer diese als vorübergehenden Hype abtut, läuft Gefahr, den Sprung in die Zukunft nicht zu schaffen. Die Industrie sollte Fehler analog zum Internetgeschäft versus Quelle etc. nicht wiederholen, so Prof. Dr. Hans H. Jung und Dr. Alexander Suhm von der UNITY AG. Anhand eines Lackierprozesses wurden die Potentiale von Industrie 4.0 hinsichtlich Kosten, Effektivität und Energieeinsatz ausgeführt.

Die additive Fertigung bildet neben der Industrie 4.0 die zweite große Revolution in der Produktion. Joachim Zettler, Managing Director bei der AIRBUS APWORKS GmbH zeigte, welche Technologien in der Luft- und Raumfahrt bereits für einen Serieneinsatz geeignet sind. Neben zahlreichen Vorteilen, wie der Gewichtseinsparung, einer optimierten Lastverteilung oder auch einer Verkürzung von Time to Market, wurde auch auf Grenzen – wie z.B. die Größenbeschränkung der Bauteile – hingewiesen.

FAHRZEUG:

Digitalisierung ist auch der „Enabler“ des hochautomatisierten Fahrens. Andreas Reich, Leiter Vorentwicklung Elektrik/Elektronik bei der Audi Electronics Venture GmbH gab in seinem Vortag „Pilotiertes Fahren – eine Vision wird Realität“ einen Überblick über die Aktivitäten aus dem Hause Audi – angefangen bei den ersten Versuchen mit einem autonom fahrenden Audi TT auf einem Salzsee bis hin zur Fahrt vom Silicon Valley nach Las Vegas im Zuge der CES 2015. Im Laufe der Entwicklung schafften es die Ingenieure von Audi, eine kofferraumfüllende Rechnerarchitektur in einem einzigen kompakten Steuergerät unterzubringen.

Die Vernetzung bzw. Digitalisierung des Fahrzeugs impliziert die Generierung extrem hoher Datenmengen. Die Herausforderung für die Branche ist es nun, die sich daraus ergebenden Chancen aufzugreifen und Lösungen für neue Geschäftsmodelle zu erarbeiten, um neuen Playern am Markt wie Google oder Apple Paroli zu bieten. Hierfür ist es notwendig, alte Pfade und die eigene Komfortzone zu verlassen und sich auf neues Terrain zu wagen. Dazu gehören agile Innovationsprozesse aber auch die direkte Interaktion mit dem Kunden, so Dieter May, Senior Vice President New Digital Data- and Business Models bei der BMW Group.

Doch wie reagiert ein mittelständisches Unternehmen auf die Herausforderungen der Megatrends und platziert seine eigenen Kernkompetenzen in diesem Kontext? Thomas Regnet, Geschäftsführer bei der SCHERDEL INNOTEC Forschungs- und Entwicklungs-GmbH zeigte in seinem Vortrag Lösungen zu diesen Fragen exemplarisch auf. Mithilfe entsprechender Strategien und Netzwerkarbeit ist es SCHERDEL gelungen, seine Kernkompetenzen auf den Gebieten der Umform-, Verbindungs- und Oberflächentechnik auf neue Anwendungsgebiete im Bereich Komfort, Effizienzsteigerung aber auch der Elektromobilität anzuwenden und auszubauen.

MATERIAL:

Neben Produktion und Fahrzeugtechnologie bilden Werkstoffe ein weiteres wichtiges Innovationsfeld im Automobil. Gavin McIntyre, Co-Founder und Chief Scientist bei Ecovative Design (NY, USA) hat ein Verfahren entwickelt, das über Pilz-Mycelien eine echte Alternative zum Kunststoff bietet. Da der zur Herstellung benötigte Rohstoff aus biologischem Material stammt, der zum Beispiel bei der Getreideernte anfällt, ist der neue Werkstoff äußerst nachhaltig. Erste Anwendungen wurden bereits in der Verpackungsindustrie aber auch der Dämmung von Häusern umgesetzt. Aufgrund der vielen positiven Eigenschaften soll der innovative Werkstoff zudem zeitnah in der Automobilindustrie zum Einsatz kommen.

Von den Biomaterialen zum „Biodesign“. Mit dem Light Cocoon zeigte Johannes Barckmann, Head of DESIGNSTUDIO, EDAG Engineering AG, wie bionische Strukturen im Fahrzeug zum Einsatz kommen könnten. Inspiriert durch die Meeresschildkröten entstand zunächst das Projekt Genesis, welches im Light Cocoon seine Fortsetzung fand. Neue Ansätze hinsichtlich der Struktur sowie eine Bespannung des „Skeletts“ mit Soff aus dem Hause JackWolfskin zeigten den innovativen Charakter des Prototypen, der auch in der Ausstellung präsent war.

Zum Abschluss der diesjährigen Veranstaltung wurde noch einmal der Megatrend Digitalisierung aufgegriffen. Getrieben von einer immer höheren Automatisierung von Systemen und Fahrzeugen ging der Blick in die Zukunft hierbei noch einmal einen Schritt weiter – hin zu selbstlernenden Systemen. Dr. Martin Rufli, Researcher bei IBM Zürich, schilderte eindrucksvoll, was er unter künstlicher Intelligenz versteht und wie diese den Menschen in Zukunft kooperativ unterstützen kann. Hierzu spannte er den Bogen von den Anfängen der Computertechnologie, über das Programm „Watson“ bis hin zu ersten spielerischen Anwendungen. Grundlage der Technologie ist aktuell ein schier unerschöpflicher Pool an Wörtern und Begriffen welche in Zukunft um eine visuelle Datenbank erweitert werden soll – nach dem Lesen und Sprechen „lernt“ die Maschine nun sehen.

Die Aktualität der Themen sowie die hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Forschung wurde von den Teilnehmern durchgehend sehr positiv bewertet. Das moderne Konzept der zugehörigen Fachausstellung erfuhr ebenfalls ein großes Lob von Teilnehmern und Ausstellern.

Somit können wir bereits heute mit Spannung auf Zulieferer Innovativ 2016 blicken!