Kritik an geplanter CO2-Obergrenze für fossile Kraftwerke

Fossile Kraftwerke, die mehr als 550 Gramm CO2 pro Kilowatt ausstoßen, sollen nach dem Willen der EU von den Kapazitätsmärkten ausgeschlossen werden. Das betrifft fast alle.
nach Quelle: E&M PowerNews, 27. September 2017
Ältere fossile Kraftwerke, die mehr als 550 Gramm CO2 pro Kilowatt ausstoßen, sollten nach Ansicht des Dachverbandes der Elektrizitätswirtschaft, Eurelectric, auch in Zukunft als Reserve-Kapazität eingesetzt werden. Der von der EU-Kommission geplante Ausschluss solcher Anlagen von subventionierten Kapazitätsmärkten sei kontraproduktiv, sagte der Generalsekretär des Verbandes, Kristian Ruby, in Brüssel.
Nach einer Untersuchung der Beraterfirma Compass-Lexecon, die Ruby am 26. September vorstellte, würde durch die 550-Gramm-Grenze weniger in neue, emissionsarme Technologien investiert. „Wenn die bestehenden Kraftwerke dieser Regel unterworfen werden, werden Investitionen umgeleitet und die Anstrengungen Europas für eine saubere Energiewende beeinträchtigt.“
Nach der Studie würden die direkten CO2-Emissionen durch die 550-Gramm-Grenze nur geringfügig zurückgehen, weil sie durch den Emissionshandel (ETS) gedeckelt seien. Allerdings müssten die Versorgungsunternehmen viele dieser Anlagen schneller abschreiben als geplant. Der Autor der Studie, Fabien Roques, bezifferte die zusätzlichen Kosten im Zeitraum 2020 bis 2040 auf 50 Mrd. Euro. Nahezu alle fossilen Kraftwerke, die für die Spitzenlast zur Verfügung stünden, könnten in den Kapazitätsmärkten nicht zum Einsatz kommen.
Neue Technologien stehen nicht schnell genug zur Verfügung
In den nächsten zehn Jahren stünden neue Technologien für den Lastenausgleich wie leistungsfähige Stromspeicher oder die Nachfragesteuerung (DSR) aber noch nicht zur Verfügung. Roques rechnet allerdings damit, dass die Preise für Stromspeicher in den nächsten Jahren fallen, so dass diese Technologien nach 2030 in einem ausreichendem Umfang und zu wettbewerbsfähigen Kosten eingesetzt werden können.
Würden die bestehenden fossilen Kraftwerke, besonders für die Spitzenlast, vorher aus dem Markt gehen, müssten die Versorger neue, fossile Ersatzkraftwerke bauen. Das würde zulasten der Investitionen in neue, emissionsfreie Technologien gehen und später erneut zu hohen Abschreibungen führen. Nach der Studie würden Kraftwerke mit einer Kapazität von 27 GW früher vom Netz gehen als betriebswirtschaftlich notwendig wäre. Davon müssten 19 GW durch neue Anlagen ersetzt werden. Die Betreiber müssten damit etwa 15 Mrd. Euro zusätzlich investieren, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hinzu komme, dass diese Ersatz-Anlagen, die eine technische Lebensdauer von 30 Jahren hätten, ebenfalls vorzeitig abgeschrieben werden müssten, wenn die EU ihre Emissionsziele erreichen wolle. Dies führe zu neuen Verlusten, wenn Stromspeicher und andere Technologien in den 30er Jahren wettbewerbsfähig würden.
Diese Mittel stünden für Investitionen zur Stromerzeugung aus Wind und Sonne nicht mehr zur Verfügung. Außerdem würde der Gasverbrauch der EU um 40 Prozent steigen, weil in erster Linie moderne Gaskraftwerke gebaut würden. Die Verbraucher müssten im Zeitraum 2020 bis 2040 mit zusätzlichen Kosten von 108 Mrd. Euro für Strom rechnen.
Betroffen wären vor allem Öl- und Kohlekeraftwerke
Betroffen von der Obergrenze seien vor allem Öl- und Kohlekraftwerke sowie ältere Gasturbinen. Insgesamt gehe es um 24 Prozent der bestehenden Grund- und 41 Prozent der Spitzenlast. Allerdings wären die einzelnen EU-Staaten sehr unterschiedlich betroffen. Während in Frankreich praktisch kein Kraftwerk in der Grundlast unter die 550-Gramm-Grenze fällt, sind es in Deutschland 72 Prozent, in Tschechien 87, in Polen 91, in Bulgarien und Estland sogar alle Kraftwerke, die gegenwärtig am Netz sind. Von den Spitzenlast-Kraftwerken könnte in Belgien, Frankreich und Griechenland kein einziges den 550-Gramm-Standard erfüllen, in Deutschland nur sieben Prozent der Anlagen.
Im ETS führt die 550-Gramm-Grenze nach Ansicht von Roques zu einem weiteren Preisverfall. Weil alte Anlagen schneller vom Netz gingen und deren Emissionen nur teilweise ersetzt würden, gehe die Nachfrage im ETS zurück. Der Kohlenstoffpreis, der normalerweise bis 2040 auf 45 Euro je Tonne steigen würde, würde unter der 550-Gramm-Grenze nur 33 Euro erreichen.
Die 550-Gramm-Grenze erhöht nach dem Gutachten außerdem die Unsicherheit und bringt zusätzliche Risiken für Investoren. Weil nicht absehbar sei, welche Anlagen zu welchem Zeitpunkt aus dem Markt gehen, steige das Risiko für alle Investitionen, einschließlich der erneuerbaren Energien. Der höhere Gasverbrauch mache die EU noch abhängiger von importierter Energie.
Ruby kündigte an, die Studie in die Diskussion über die Vorschläge der Kommission einzubringen, die gegenwärtig vom Europäischen Parlament und den Energieministern beraten werden. Er forderte die Kommission insbesondere auf, eine seriöse Wirkungsanalyse der 550-Gramm-Regelung vorzulegen. Zahlreiche Fragen im Hinblick auf die Anwendung seien nach wie vor ungeklärt. Bei Eurelectric verweist man in diesem Zusammenhang vor allem auf den Umgang mit der Kraft-Wärme-Koppelung.
In Brüssel wird betont, dass die Branche das Ziel der EU einer radikalen Senkung der Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts weiter unterstützt. Man habe sich deswegen Anfang des Jahres verpflichtet, nach 2020 keine neuen Kohlekraftwerke mehr in Betrieb zu nehmen. Die 550-Gramm-Regel sei jedoch nicht geeignet, einen positiven Beitrag zu diesem Ziel zu leisten. 
 
Autor: Tom Weingärtner