Power to X – Chancen und Risiken der Sektorenkopplung für den Energiesektor – Ergebnisse der Expertenbefragung

Überlegungen zur Elektrifizierung der Verbrauchssektoren Wärme und Verkehr
nach Quelle: Forum Zukunftsenergien e.V., 17. Februar 2017

Berlin. Aus Gründen des Klimaschutzes und um überschüssigen Strom aus erneuerbaren Energien nicht abregeln zu müssen, werden Überlegungen angestellt, auch die Verbrauchssektoren Wärme und Verkehr zu elektrifizieren.

Der Anteil an erneuerbaren Energien am Endenergieverbrauch von derzeit knapp über 15 Prozent soll auf diese Art und Weise gesteigert werden. In Kooperation mit seinem Mitglied Celron startete das Forum für Zukunftsenergien im Herbst 2016 eine Onlinebefragung unter seinen Mitgliedern und weiteren Unternehmen im Energiesektor. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden im Rahmen des Arbeitskreises „Zukunftsenergien“ am 15. Februar 2017 vorgestellt und anschließend von Experten aus Wirtschaft und Politik diskutiert.       Regenerative Stromerzeuger und Infrastrukturanbieter für Strom oder Gas im Strom- bzw. Wärmesektor sowie Fahrzeugherstellern und Zulieferern im Verkehrssektor werden zukünftig führend sein, berichtete Dr. Volker Flegel, Geschäftsführer, Celron GmbH. Dabei bewerteten 82 Prozent der Befragten die Schnittstelle zwischen dem Strom- und Wärmesektor als besonders bedeutsam. Von Technologien mit hoher Verfügbarkeit werde außerdem auch ein großes wirtschaftliches Potential erwartet. Beispiele seien die Elektro-Wärmepumpe für die Wärmeerzeugung, batterieelektrische Fahrzeuge im Verkehr oder auch die Stromerzeugung aus Gas bzw. die Gaserzeugung mit Strom. Bei Zweidrittel der an der Befragung beteiligten Unternehmen bilde die Sektorenkopplung bereits einen Bestandteil der Unternehmensstrategie. Als derzeit hinderlich in Bezug auf die zukünftige Entwicklung der Sektorenkopplung bewerteten die Teilnehmer der Untersuchung insbesondere fehlende oder unzureichende Rahmenbedingungen durch die Politik. Anreize für die Intensivierung der Sektorenkopplung schüfen demnach Abgabenreduzierungen, Investitionsförderungen sowie die Ausweitung des EU-Emissionshandels.

Die Energiewende über den Ausbau volatiler erneuerbarer Energien vollziehe sich – soweit z. Z. absehbar - in drei Phasen, so Dr. Klaus von Sengbusch, Leiter Energiewirtschaft, 50Hertz Transmission GmbH. In den ersten beiden  nun hinter uns liegenden Phasen sei der stetig zunehmende Anteil der erneuerbaren Energien noch vergleichsweise günstig durch Maßnahmen wie den Netzausbau oder die Abregelung der erneuerbaren Erzeugung gemanagt worden. Die Kosten für diese Maßnahmen würden jedoch in der dritten Phase bei einem EE- Anteil von ca. 50 Prozent in einem Umfang steigen, dass andere Konzepte, wie etwa die Sektorenkopplung erforderlich würden.

Auf welche Weise die Sektorenkopplung umgesetzt werden könne, sei bislang allerdings  völlig unklar. Da unterschiedliche Technologiepfade deutlich unterschiedliche Anforderungen an die Infrastruktur und Anlagen stellten, müssten aufgrund langer Investitionszyklen die Entscheidungen für einzelne Technologien  aber möglichst bald getroffen werden. Generell sei der Druck für die Übertragungsnetzbetreiber, Maßnahmen zur Sektorenkopplung umzusetzen, nicht so hoch wie jener für die Politik, da die für die kommenden 10 bis 15 Jahre geplanten Netzausbaumaßnahmen weiterhin stabile Netze versprächen.

Malte Knizia, Leiter Energiewirtschaft und Marktanalyse, E.ON SE, betonte, dass angesichts der im „Klimaschutzplan 2050“ der Bundesregierung erneut bestätigten Klimaschutzziele (weitgehende Treibhausgasneutralität bis 2050) die Energiewende nicht mehr länger nur eine Stromwende bleiben könne und der Sektorenkopplung daher eine große Bedeutung zukomme. Die Sektorenkopplung sei jedoch nur eine Maßnahme aus eine Bündel von möglichen Maßnahmen, für die er eine Priorisierung vorschlug. An erster Stelle sollte die Effizienzsteigerung stehen, an zweiter die Nutzung von erneuerbaren Energien in allen Sektoren, an dritter die Sektorenkopplung und an vierter die Gasversorgung. Letztere sei in der Form von Erdgas auf Jahrzehnte weiterhin erforderlich. Zusätzlich biete die bereits vorhandene Gasinfrastruktur die Möglichkeit, für einen saisonalen Ausgleich zwischen den Jahreszeiten zu sorgen. Insgesamt bilde die Digitalisierung die Schlüsseltechnologie zur Realisierung all dieser Maßnahmen. Mit Blick auf die Förderung der Transformation des Energiesektors gab er zu bedenken, dass etwaige Anreize sich auf ihre Effektivität als Mittel zum Zweck der Dekarbonisierung messen lassen müssten und kein Selbstzweck sein dürften. Im Idealfall sorge ein klarer Anreiz zur CO2-Vermeidung für einen freien technologischen Wettbewerb.

In der anschließenden Podiumsdiskussion debattierten die Bundestagsabgeordneten Carsten Müller (CDU/CSU) und Dr. Nina Scheer (SPD) über die Notwendigkeit einer politischen Unterstützung der Sektorenkopplung.

Müller bekräftigte, dass der Klimaschutz über allem stehen müsse und der Rest dem Zweck diene. Er kritisierte, dass viel zu oft darüber diskutiert werde, wie Energie umgewandelt oder genutzt werden solle und nicht darüber, in welchem Maße dies überhaupt notwendig sei. Mit Blick auf die Sektorenkopplung empfinde er es als fahrlässig, von einer reinen Elektrifizierung zu träumen. Schließlich müsse beispielsweise eine weitere Nutzung der Gasinfrastruktur mit erneuerbarem Gas ebenfalls in Betracht gezogen werden.

Dr. Scheer sprach sich dafür aus, die Sektorenkopplung über eine Schadstoffbepreisung zu befördern. Außerdem zeigte sie sich skeptisch gegenüber dem Ansatz „Effizienz zuerst!“, wie er kürzlich im Grünbuch Energieeffizienz ausgerufen worden sei. Effizienzsteigerungen seien zwar generell positiv zu bewerten, jedoch sollte dem Ansatz nicht alles untergeordnet werden, da dies die Technologieoffenheit einschränke.

Der Ergebnisbericht der Expertenbefragung sowie die Präsentationen der Vortragenden stehen für die Mitglieder des Forum für Zukunftsenergien auf der Website (Presse/Publikationen) zum Download bereit. Sollten Sie persönlich oder Ihr Unternehmen / Ihre Institution Mitglied im Forum für Zukunftsenergien sein und noch keine Zugangsdaten besitzen, senden Sie bitte eine E-Mail an: info@zukunftsenergien.de.

Weitere Informationen:
www.zukunftsenergien.de

Über das Forum für Zukunftsenergien e.V.

Das Forum für Zukunftsenergien engagiert sich als einzige branchenneutrale und parteipolitisch unabhängige Institution der Energiewirtschaft im vorparlamentarischen Raum in Deutschland. Der eingetragene Verein setzt sich für erneuerbare und nicht-erneuerbare Energien sowie rationelle und sparsame Energieverwendung ein. Ziel ist die Förderung einer sicheren, preisgünstigen, ressourcen- und umweltschonenden Energieversorgung. Dem Verein gehören ca. 250 Mitglieder aus der Industrie, der Energiewirtschaft, Verbänden, Forschungs- und Dienstleistungseinrichtungen sowie Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung an.