Cluster-Kongress

Erfolgreich durch Vernetzung

Kongress der 19 bayerischen Cluster
25. Juli 2012, TU München, Garching

Bericht

  • Kongress mit den 19 Clustern an der TU München- Garching
  • Vorträge, Diskussionsforen und Ausstellung mit 1.250 Teilnehmern
  • Auftakt durch die Staatsminister Martin Zeil und Dr. Wolfgang Heubisch

 

Die nachfolgenden Inhalte sind wie folgt geordnet:

Die Bayern Innovativ GmbH organisierte und moderierte zusammen mit den 19 bayerischen Clustern den Kongress „Erfolgreich durch Vernetzung" am 25. Juli 2012 an der Technischen Universität München in Garching mit besonderer Unterstützung durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie. Der Kongress gab Einblick in die Tätigkeit der Cluster, die zu einer großen Mitmachbewegung wurden, und zeigte zukünftige Perspektiven aus Sicht von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auf.
„Die Politik setzt die Rahmenbedingungen, die Innovationen selbst kommen aus den Unternehmen, meist in Kooperation mit anderen Firmen und Instituten", sagte Prof. Josef Nassauer Geschäftsführer der Bayern Innovativ GmbH, einführend in seiner Begrüßung. Innovationen seien „eine Daueraufgabe für Vorsprung im Wettbewerb".
„Im Netzwerk zum Erfolg" beschreibt am besten, warum Bayern so erfolgreich ist", so Wirtschaftsminister Martin Zeil in seiner eindrucksvollen Eröffnungsrede zur Cluster-Offensive Bayern. Auch in momentan schweren wirtschaftlichen Zeiten in Europa, sogar weltweit, kann Bayern auf solide Staatsfinanzen, eine pulsierende Konjunktur sowie beinahe Vollbeschäftigung verweisen.
Ein zentrales politisches Instrument ist dabei die Cluster-Offensive des Freistaates. „Im Netzwerk entstehen Innovationen für Wettbewerbsvorteile", wobei innovative Produkte nicht von Himmel fallen, sondern der Lohn harter Arbeit seien, so Minister Zeil. Besonders auch der Mittelstand wird durch Vernetzung erfolgreich. Fördermaßnahmen wie der Innovationsgutschein gerade für kleine Unternehmen sorgen für die nötigen Rahmenbedingungen von staatlicher Seite. Dass sich der Wettbewerbsvorteil durch Vernetzung - wie in den Clustern praktiziert - erheblich vergrößere, zeige sich u. a. im Erfolg der bayerischen KMU oder der drei bayerischen Spitzencluster m4 der Biotechnologie, Medical Valley und MAI-Carbon. Somit kann in Summe die bayerische Cluster-Strategie als Markenzeichen der bayerischen Innovationspolitik gesehen werde, die durch ein starkes Team der Cluster-Geschäftsführer, der Industrie u. a. m. auch für die nötige überregionale Vernetzung sorgt.

Minister Zeil dankte dem Team der Bayern Innovativ GmbH und Prof. Josef Nassauer für die Organisation des Cluster Kongresses und die exzellente Arbeit auch im Rahmen der Cluster Initiative und stellte Prof. Werner Klaffke als dessen Nachfolger in der Geschäftsführung zum 1. Oktober 2012 vor.

Wissenschaftsminister Dr. Wolfgang Heubisch hob die Rolle der Wissenschaft in der Clusterpolitik hervor. Die Investitionen der Regierung in Bildung und Forschung von ca. 6 Milliarden Euro seien der Treibstoff für den wissenschaftlichen Vorsprung, der unabdingbar für den Wohlstand eines Landes sei. Diese Wettbewerbsfähigkeit muss zukünftig und global erhalten bleiben. Bayern ist hier mit seinen Exzellenzuniversitäten und der gesamten Forschungslandschaft in allen Landesteilen sehr gut aufgestellt. „Die Freiheit der Forschung ermöglicht, dass Bayern dort ist, wo es jetzt steht", betonte Heubisch.
Ebenfalls stark unterstützt wird in Bayern der Wissenstransfer in die Firmen, denn an den Schnittstellen der Technologien entsteht Neues. Maßnahmen wie die Innovationsgutscheine gerade für die kleinen Unternehmen, Patentinitiativen, das „Haus der Forschung" mit der Bayerischen Forschungsstiftung, der Bayerischen Forschungsallianz, dem ITZB und Bayern Innovativ gehen in die Formel der „3 Ws" ein: Wissenschaft und Wirtschaft = Wohlstand. Heubisch forderte aber auch eine gesellschaftliche Debatte, die Chancen und Risiken von Neuentwicklungen, vor allem in der Gen- und Medizintechnik, objektiv abzuwägen und durch glaubwürdige Kommunikation zu begleiten.

Die Chancen des Zukunftswerkstoffes Carbon für die Industrie beschrieb Dr. Gerd Wingefeld, Mitglied des Vorstands der SGL Group. Carbon habe einzigartige Eigenschaften, geringes Gewicht und überragende Steifigkeit. Er wird bereits mit großem Erfolg zur Gewichtsreduzierung im Flugzeugbau eingesetzt. Eine große Herausforderung stellt die industrielle Serienfertigung dar. Hier gilt es zahlreiche neue Prozesstechniken zu entwickeln. Mit dem Project i von BMW steht aber der Serieneinsatz nun unmittelbar bevor. So prognostiziert Wingefeld einen rapiden Anstieg im Einsatz von CFK von 2015 bis 2020, v. a. im Automobilbereich. Dann zeichnen sich weitere Einsatzpotentiale ab, im Maschinenbau und der Robotik, bei Windkraftanlagen, im Bauwesen, in der Medizintechnik, aber auch in der Sportindustrie.
Das Carbonzeitalter hat nach Wingefeld somit gerade erst begonnen und wird drei wesentliche Punkte adressieren müssen: Die Automobilindustrie als Durchsetzungsindustrie, Partnerschaften entlang der Wertschöpfungskette zur Etablierung und Automatisierung als Schlüsselkompetenz. Der Freistaat Bayern hat die Chance zur führenden Technologieregion für CFK zu werden. Dazu braucht es aber vor allem auch Zeit, Geduld und ein gezieltes Zusammenwirken von Staat, Industrie, FuE-Einrichtungen sowie der Gesellschaft als Ganzem.

Eine revolutionäre Zukunftsentwicklung stellt auch automatisiertes Fahren dar, sagt Dr. Reiner Hoeger, Leiter des Innovationsmanagements der Continental Automotive GmbH, Regensburg. Treiber hierfür sind Sicherheit und Komfort, also die Vermeidung von Unfällen und die Entlastung des Fahrers in ermüdenden Situationen. In Zukunft wäre automatisiertes Fahren denkbar in Staus oder in Baustellen oder für selbsttätiges Parken. Die Voraussetzungen seien mit verschiedenen Assistenzsystemen (Not-Bremsung, Spurwechsel, Auffahrverhinderung, Erfassung toter Winkel etc.) gegeben. Technische Herausforderungen liegen in der Systemtechnik (Architektur der Assistenzsysteme und deren Vernetzung), in der Erfassung des Fahrerverhaltens und der Umgebung (Mensch-Maschine-Schnittstellen, Sensoren, Kameras, Radar), sowie in der notwendigen Reaktionsdynamik mit entsprechenden Aktuatoren für Brems- und Lenkvorgänge - dies alles mit Null-Fehler-Toleranz. Zudem gilt es die bislang immensen Kosten zu reduzieren, geeignete Validierungssysteme zu entwickeln sowie Korrelationseffekte im gemischten Verkehr zu beherrschen. Dabei spielen auch gesetzliche Rahmenbedingungen wie Zulassungsrecht und Haftung eine große Rolle.

Mit einem inspirierenden Vortrag schilderte Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Wolfgang A. Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, Schwerpunktsetzung und Vernetzung als zentrales Element für erfolgreiche Strategien. Erfolgreich ist nur, wer den Wandel der Zeit annimmt und mit konkreten Maßnahmen und Aktivitäten mitgestaltet. Hierzu gehört die Zusammenarbeit über Technologien und Branchen. Voraussetzung hierfür ist disziplinäre Tiefe, um interdisziplinäre Kooperation von hoher Qualität mit entsprechendem Mehrwert zu realisieren.
Herrmann verwies beispielhaft auf drei herausragende innovative Projekte der TU München: das Geodäsie-Projekt „GOCE" (exakte Bestimmung der Erdgravitation), die weltweit erstmalige doppelte Arm-Transplantation im Jahre 2008 (Klinikum rechts der Isar) sowie das wichtige Feld der „TUM Electromobility" mit dem E-Konzeptfahrzeug „MUTE" als Aushängeschild.
In Summe mache die Verbindung aus Forschungs- und Industrienetzwerken den Erfolg des Standortes München und Bayern aus. Dies mache im Sinne von „Die Heimat mit der Welt verbinden" die internationale Vernetzung zu einer wichtigen Säule für exzellente Forschung und erfolgreiche Innovationen.


In allen Foren (bis auf Finanzierung) wurde die Bedeutung der Zusammenarbeit über Technologien und Branchen hinweg betont, um neuen technologischen Herausforderungen und Kundenerwartungen mit zusätzlichen Wertschöpfungsketten gerecht zu werden.

Mobilitätskonzepte und Wertschöpfung der Zukunft
(Moderation Prof. Josef Nassauer)
Neue Wertschöpfungsketten entstehen in der Automobilindustrie durch die E-Fahrzeuge und deren Anforderungen an den Leichtbau, mit neuen Fertigungs- und Antriebstechniken, der Batterietechnologie, dem Interieur und Konnektivität.
Wertschöpfung wird auch die Energieinfrastruktur betreffen - über Smart Grids und Ladestationen, und wird neue Chancen z. B. in der Halbleitertechnologie eröffnen.
Daneben bietet das Handwerk Kapazitäten und Know-how in der Aus- und Weiterbildung in Sachen Elektrifizierung, vor allem in der Ausbildung für Hochvoltbereich, und der Wartung von Antriebssystemen in Fahrzeugen, Zweirädern sowie Landmaschinen.

Energieumstieg - Herausforderungen und Chancen
(Moderation Dr. Klaus Hassmann)
Die Politik gibt mit dem Energiekonzept den Rahmen vor, für dessen Umsetzung nur wenig Erfahrungswerte vorliegen; also gilt es weitgehend Neuland zu betreten.
Wichtig ist, stets das Gesamtsystem Energieerzeugung und -versorgung zu betrachten und einen ausgewogenen Energie-Mix zu verfolgen. Dazu gehören die erweiterte Nutzung erneuerbarer Energien sowie der Sicherstellung einer ausreichenden Grundversorgung.
Mit dem Bau neuer Energieanlagen, dem Ausbau der Stromnetze und der Umsetzung neuer Speichertechnologien ergeben sich vielfältige neue Wertschöpfungsketten in der Energietechnik, aber auch mit den Kommunen. Neben den technologischen Lösungen muss ein Marketingkonzept entwickelt werden, um den Mehrwert der Energiewende der Öffentlichkeit aufzuzeigen.

Zukunft Neue Materialien
(Moderation Markus Garn)
Neue Materialien gelten als eine der bedeutendsten Querschnittstechnologien für zukünftige Innovationen; sie sind zentrale Elemente u. a. der Technologieprogramme in China und Europa. Großes Potenzial liegt in neuen Werkstoffen wie Carbon oder neuartigen Legierungen und Prozesstechniken, z. B. Leichtmetalle oder hochfeste Stähle; für Multi-Material-Bauweisen gewinnen Verbindungstechnologien immer mehr an Bedeutung.
Branchenübergreifende, internationale Wertschöpfungspartnerschaften gewinnen dabei massiv an Bedeutung. In Bereichen, in denen Rohstoffe nur sehr begrenzt verfügbar sind, ist die Industrie bestrebt, Einkaufskooperationen einzugehen (z. B. bei seltenen Erden), oder Alternativen zu entwickeln, wie etwa bei Carbon: weg vom Erdöl hin zu nachwachsenden Rohstoffen.

Informationstechnologie - mobil und sicher
(Moderation Martin Zappe)
Kunden erwarten Information, individuell und zu jeder Zeit abrufbar; die Konnektivität und mobile Dienste werden weiter zunehmen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Sicherheit der Kundendaten. Allerdings sind heutige Sicherheitslösungen oft unzureichend oder kundenunfreundlich.
Anwender (Info z. B. unter www.bsi.de), aber auch die Applikationsentwickler müssen für das Thema schon in der Ausbildung stärker sensibilisiert werden. Die Entwicklung zuverlässiger und kundenfreundlicher Sicherheitssysteme wird zu einer Enabling Technologgy für die nächste Generation mobiler Dienste in der Informationstechnologie.

Green Factory - ressourceneffizient produzieren
(Moderation Prof. Gunther Reinhart)
Grundsätzlich ist es wichtig, hinsichtlich der Energieintensität einzelner Produktklassen oder Industrien zu unterscheiden. Im Mittelpunkt von Green Factory stehen Energie-Erzeugung, Energieeffizienz in der Produktion, der Regelungs- und Antriebstechnik sowie in der Simulation, und die „Vermeidung von Verschwendung" (nach dem Toyota-Prinzip), also Energieeinsparung. Letztlich gilt das Prinzip der Vermeidung von Verschwendung auch für den Einsatz der Rohmaterialien; Nachhaltigkeit und vor allem der Know-how-Aufbau bei den Mitarbeitern ist somit das ultimative Ziel von Green Factory.

Finanzierung von Unternehmen in unruhigen Zeiten
(Moderation Prof. Wolfgang Gerke)
Finanzierung ist keine Netzwerktätigkeit zwischen Unternehmen in Clustern; es ist ein individueller Vorgang zwischen Bank und Unternehmen, eigentlich zwischen Personen oder „Köpfen": Dabei sollte stets eine ganzheitliche Betrachtung des Unternehmens erfolgen.
Der Mittelstand sollte im Allgemeinen höhere Eigenkapitalquoten von mindestens 30 Prozent ansteuern und sich nicht scheuen, Beteiligungskapital zu gewinnen und einzubinden.
Die Versorgung von Firmen mit Fremdkapital war in Bayern auch in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise kein besonderes Problem. Gerade regionale Banken übernehmen oft mehr Verantwortung. Aufgrund der gegenwärtigen Unsicherheit in den Absatzmärkten besteht bei vielen Firmen hinsichtlich Investitionen eine abwartende Haltung trotz sehr günstiger Zinssätze.

Keynote und Zusammenfassung
Anschließend stellte Klaus Helmrich, CTO und Mitglied des Vorstands der Siemens AG, München, im Plenum die technologischen Herausforderungen bis 2020 aus Sicht des Unternehmens dar.
Innovation braucht Fokus und Kundenorientierung. Technologien sind ständigen Weiterentwicklungen unterworfen, treiben sich gegenseitig und damit auch die Märkte.
Dies erläuterte Helmrich am Beispiel der Informationstechnik: vom PC über Entwicklungen von Software und Netzwerken bis zum Internet mit heutigen Social Networks. Parallel dazu entstanden neuartige Geschäftsmodelle und somit Unternehmen und ganze Industriezweige. Die Einzelentwicklungen waren dabei nicht vorhersehbar, sie sind in dem sich verändernden Umfeld entstanden. Ähnliche Entwicklungen sind in der E-Mobilität oder im Rahmen der stärkeren Nutzung volatil anfallender erneuerbarer Energien wie der Windenergie denkbar.
Die Innovation wird gespeist aus der internen Expertise, über externe Forschungs- und Technologie-Partner sowie über Schlüsselkunden - Open Innovation als gelebte Praxis.
Gerade bei der Einbindung von Partnern mit neuen vielversprechenden Technologien steht der „return on technology" im Vordergrund, nicht der „return on invest".
Dabei sind Cluster mit dem Zusammenspiel geeigneter Partner mit räumlicher Nähe sehr wichtig; aber auch eine weitreichende internationale Vernetzung ist unerlässlich für Erfolg im globalen Wettbewerb.
Abschließend fasste Prof. Nassauer die wesentlichen Aussagen des Tages aus den Vorträgen und Diskussionsforen zusammen.
Insgesamt war der Kongress ein „Cluster-Festspieltag". Er hat die Dynamik der Kooperationen mit zahlreichen Neuentwicklungen anschaulich gemacht. Dahinter stehen die Strukturen der Cluster, die somit Vorsprung im Wettbewerb ermöglichen.
Technologien und Märkte werden sich weiter verändern; deshalb braucht es diese Infrastruktur der Cluster auch über 2015 hinaus. Der Grad der Mitwirkung wie auch die finanzielle Beteiligung von Firmen sind dabei wesentliche Qualitätsfaktoren.
Zusätzlich zu den Clustern ist eine regional unabhängige internationale Vernetzung ein wichtiger Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen. Cluster und Netzwerke gehen also erfolgreich Hand in Hand.

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