Die Energiewende weiter treiben und verteidigen

Die zweite Phase der Energiewende muss aktiv angegangen werden. Wichtigste Punkte sind die Wärme- und die Verkehrswende. Dafür braucht es klare Festlegungen.
nach Quelle: E&M PowerNews, 16. Juni 2017
„Bisher basiert die Energiewende politisch auf einem Kabinettsbeschluss vom Oktober 2010 und dem Atomausstieg. Um Verlässlichkeit und Planbarkeit zu schaffen, brauchen wir eine Grundlage mit einem Zieldreieck 2030, das in ein Gesetz mündet“, sagt Agora Energiewende-Direktor Patrick Graichen. Dies müsse bald in der neuen Legislaturperiode erarbeitet werden, denn bis 2020 werde nicht mehr viel passieren können.
 
„2030 ist übermorgen“, sagt Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die deutschen Klimaziele für 2020 seien kaum noch erreichbar. „Der Klimaschutzplan ist ein wichtiger Indikator, für das, was passieren müsste", so Kemfert. Doch sei im Gebäude-und Verkehrssektor „noch nicht ansatzweise das in Sicht, was erreicht werden müsste“.
 
Die von der Agora im Vorfeld der Bundestagswahl mit ihrer Agenda 2030 erstellte Diskussionsgrundlage wird auch gerade von Wirtschaftsvertretern sehr begrüßt. Dass Klimaschutz und Energiewende nötig sind, das ist nach Aussage von Sabine Nallinger, Vorstandsvorsitzende der Unternehmensstiftung 2° in weiten Teilen der Wirtschaft erkannt. „Dazu heißt es: Der Zug ist auf den Weg gebracht, in Fahrt, er bewegt sich. Grundsätzlich wird nicht mehr angezweifelt, dass wir auf 2° gehen müssen.“
 
Die Wirtschaft als Partner sehen
 
Das zeige sich auch im Appell der „B 20“ an den G20-Gipfel, bei dem der Bundesverband der deutschen Industrie die Federführung hatte. „Diskutiert wird über die Maßnahmen“, sagte Nallinger bei einer Diskussionsveranstaltung der Agora Energiewende in Berlin. „Die Energiewende wird nicht mehr infrage gestellt“, bekräftigt auch Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik beim BDI.
 
„Es gibt eine ganze Reihe von Unternehmen, die sehr aktiv werden und eigene Konzepte für Strom, Wärme und Verkehr starten“, so Nallinger. Sie verweist auf den Paketdienst Hermes, der für Elektrifizierung seiner Fahrzeugflotte Transporter suchte, den Aluminiumhersteller Trimet, der mit einer virtueller Batterie Lösungen für die Stromspeicherung angeht, wie auch auf die Stahlhütte Salzgitter, die mit 100 % erneuerbarer Energie produzieren will.
 
„Man sollte die Wirtschaft bei der Energiewende als Partner betrachten“, betont Nallinger. Die Industrie könne zum Beispiel vor allem mit Lastmanagement wie auch bei der Wärme einen großen Beitrag leisten. Auch Nallinger meint, wie die Agora, in der zweiten Phase der Energiewende müsse jetzt die die Wärme- und Verkehrswende umgesetzt werden, vor allem in den Städten.
 
Politik soll regulatorische Anreize für neue Geschäftsmodelle setzen
 
Doch politisch ist beileibe noch nicht alles gewonnen. „Wir müssen die Energiewende verteidigen“, betont Kemfert. „Wir sind losgesprintet, doch jetzt ist uns die Luft ausgegangen.“ Deckel für den Erneuerbaren-Ausbau seien kontraproduktiv. NRW zeige, „wie schnell Elemente wieder gekippt werden können“, sagt auch Nallinger. Sie bezieht sich dabei auf Absichten der schwarz-gelben Koalition, den Windkraftausbau einzuschränken.
 
Vera Brenzel, Politikchefin bei Eon SE, berichtet über positive Wirkungen der vor drei Jahren erfolgten Aufspaltung des Konzerns: „Im Nachhinein sehen wir, dass wir viel offener auf die dezentrale Energiewende setzen.“ Unternehmen wie Eon bräuchten jedoch Wachstumsmärkte. „Dafür sind regulatorische Bedingungen entscheidend.“ Sie bemängelt, dass „Anreize für neue innovative Geschäftsprozesse fehlen“. Defizite sieht Brenzel ebenso wie andere Wirtschaftsvertreter auch noch beim Strommarktdesign, damit Flexibilitäten umfassend genutzt werden können.
 
Autorin: Angelika Nikionok-Ehrlich