Ein Physiker mit politischen Ambitionen

Institutschef Eicke Weber verlässt zum Jahresende aus Altersgründen das Freiburger ISE – und wird vermutlich in Kalifornien weiterforschen.
nach Quelle: E&M PowerNews, 21. November 2016

Für die deutsche Solarforschung geht eine Ära zu Ende. Eicke Weber, seit gut zehn Jahren Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg, beendet zum Jahresende seine Tätigkeit aus Altersgründen. Er ist im Oktober 67 Jahre alt geworden.
 
Weber hinterlässt eine stolze Bilanz, denn während seiner Amtszeit hat das ISE eine steile Entwicklung genommen. Zum einen wuchs der weitgehend selbst verdiente Betriebshaushalt von etwa 25 Millionen Euro im Jahr 2006 auf 73 Millionen im Jahr 2015. Zugleich konnte das Institut seine Mitarbeiterzahl bis auf 1 100 Mitarbeiter mehr als verdoppeln (wobei die Einrichtung zwischenzeitlich sogar mal 1 300 Mitarbeiter hatte, ehe die Photovoltaik in Deutschland politisch so abrupt gebremst wurde).
 
Die Entwicklung des Instituts stand auch im Zusammenhang mit dem Weltmarkt der Photovoltaik, der von einem rasanten Wachstum geprägt war. Zu Webers Amtsantritt im Jahr 2006 erreichten die Neuinstallationen der Photovoltaik rund um den Globus gerade mal 6,6 Gigawatt, im Jahr 2015 waren es schon 60 Gigawatt und 2016 wird der Wert abermals höher liegen.
 
Dieser Branchenboom war Voraussetzung für die rapide Expansion des ISE, da Fraunhofer-Institute sehr industrienah forschen. Diesen Wachstumsprozess zu managen, und Strukturen und Geschäftsfelder entsprechend anzupassen, war eine Herausforderung, die Weber zu meistern hatte. Sie gelang ihm: „Eicke Weber war der richtige Mann zur richtigen Zeit“ bilanziert das ISE nun zu seinem Abschied.
 
Vor allem sein selbstbewusstes Auftreten in den Ministerien ohne falsche Bescheidenheit dürfte dem Institut mitunter zugute gekommen sein. So schuf Weber nicht nur das größte Solarforschungsinstitut in Europa und das zweitgrößte weltweit, er brachte das ISE auch auf Platz zwei unter allen Fraunhofer-Instituten in Deutschland.

Im Oktober 1949 im unterfränkischen Münnerstadt geboren, wuchs Weber in Köln auf. An der dortigen Universität habilitierte er 1983 in Physik, ehe er Deutschland gen Westen verließ und anschließend mehr als 20 Jahre an der University of California in Berkeley verbrachte. Dass er 2006 nach Deutschland zurückkehrte, lag auch am Erneuerbare-Energien-Gesetz: Es reizte ihn, den Auftrag, den die Politik der Forschung mit diesem ambitionierten Gesetz gegeben hatte, anzunehmen.
 
Denn die Politik wollte mit diesem damals noch weltweit einmaligen Gesetz zur Markteinführung Fortschritte und Preissenkungen in der Photovoltaik anstoßen. Die Forscher in den Instituten, die Entwickler in den Unternehmen und die Investoren, die auf Massenfertigung setzten, enttäuschten die Politik nicht: Die Kosten sanken, schneller als viele erwartet hatten. Im Jahr 2006 kostete das installierte Kilowatt auf dem Dach noch rund 5 000 Euro, heute sind es nur noch 1 000 Euro.
 
Aber der Preis war nicht alles, was die Photovoltaik während Webers Amtszeit an Fortschritten zu bieten hatten. Im Jahr 2014 erreichte das ISE einen neuen Weltrekord für die Umwandlung von Sonnenlicht in elektrischen Strom – mit einem Wirkungsgrad von 46 Prozent. Im Jahr darauf holte das ISE auch für beidseitig kontaktierte Siliziumzellen mit 25,1 Prozent Wirkungsgrad einen neuen Weltrekord.

Der Plan einer X-Gigawatt-Fabrik ging nicht auf
 
Kleine Brötchen zu backen, sei nie sein Ding gewesen, würdigten Laudatoren Webers Amtszeit auf einer Abschiedsfeier kürzlich in Freiburg. Nicht alle seiner Ideen konnte der umtriebige Institutsleiter aber umsetzen. Zum Beispiel verliefen seine Pläne, in Europa eine „X-Gigawatt-Fabrik“ aufzubauen, um die industrielle Basis für die Photovoltaik-Forschung wieder nach Europa zu holen, im Sande. Als möglicher Standort galt der Oberrhein auf französischer Seite. Webers Weggefährte und persönlicher Freund, der einstige grüne Bundestagsabgeordnete und EEG-Autor Hans-Josef Fell, begründete das Scheitern des Projektes während Webers Abschiedsfeier mit fehlender Unterstützung durch die EU-Kommission und die Bundesregierung.
 
Während Webers beiden Nachfolger – es wird eine Doppelspitze geben – noch immer nicht offiziell benannt sind, ist zumindest eines klar: Das ISE dürfte sich in der Tagespolitik künftig wieder etwas mehr zurücknehmen.
 
Denn Weber wollte nicht nur Wissenschaftler sein. Er war sich immer dessen bewusst, dass die Solarenergie ein stark politisch geprägtes Thema ist, und so mischte er sich – etwa in Kolumnen in der örtlichen Tageszeitung – immer wieder in die aktuelle Politik ein. Dass er dabei auch Themenfelder streifte, die über die reine Energie- und Umweltpolitik hinausgehen, stieß unter seinen Weggefährten mitunter auf Erstaunen.
 
Ebenso seine Entscheidung vor einem Jahr, parallel zu seiner wissenschaftlichen Karriere den direkten Weg in die Politik zu suchen: Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg im vergangenen März trat der streitbare Physiker in Freiburg als Kandidat der FDP an. „Ausgerechnet die FDP, deren ehemaliger Vorsitzender Philipp Rösler, die Hauptkraft für den Niedergang der Photovoltaik in Deutschland war“, stöhnte sein Weggefährte Hans-Josef Fell.
 
Webers Hoffnung, die Partei durch ein Mandat von innen heraus wieder zu ökologisieren (gerne erinnerte er an die einst großen Vordenker der Partei, wie Gerhart Baum), schlug jedoch fehl; sein persönliches Wahlergebnis blieb sogar hinter dem Landeswert der FDP zurück. Der Landtag in Stuttgart muss ohne den Solarforscher auskommen.
 
Und die deutsche Solarwissenschaft muss es künftig wohl auch. Aber nicht etwa, weil Weber sich mit seinem Abschied vom ISE aufs Altenteil zurückzuziehen gedenkt. Nein, weil er in Deutschland kein passendes Angebot bekommen habe, wie er sagt. Dafür aber ist von drei hervorragenden Angeboten aus Kalifornien die Rede. Damit wird der Forschungsrückkehrer aus den USA nun wohl abermals zu einem Forschungsrückkehrer. Nur eben in die andere Richtung.

Autor: Bernward Janzing

 

Weitere Informationen:
https://www.ise.fraunhofer.de/de