Agora fordert Mehrbelastung für fossile Energie

Regenerativer Strom ist deutlich stärker durch staatliche Abgaben belastet als fossile Energie. Agora Energiewende plädiert dafür, die Unwucht zu beseitigen, um Erneuerbare zu stärken.
nach Quelle: E&M PowerNews, 11. April 2017
Die staatlich regulierten Aufschläge auf Energiepreise variieren in Deutschland je nach Energieträger extrem. So betragen die Steuern, Abgaben, Entgelte und Umlagen auf eine Kilowattstunde verbrauchter Energie beim Strom 18,7 Cent. Bei Heizöl dagegen fallen nur 0,6 Cent, bei Erdgas 2,2 Cent, bei Diesel 4,7 Cent und bei Benzin 7,3 Cent an. Diese Beträge, die sämtliche Steuern, Konzessions- und sonstige Abgaben, Netzentgelte sowie die EEG-Umlage enthalten, hat die Denkfabrik Agora Energiewende im Rahmen einer Grundlagenstudie ermitteln lassen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland eine „große Unwucht bei Energiepreisen zugunsten klimaschädlicher Energie“ herrsche.
 
Das könne so nicht bleiben, denn dieser Zustand „bestraft klimafreundlichen Energieverbrauch und belohnt klimaschädliches Verhalten“, kritisiert Agora-Direktor Patrick Graichen. Deutschland brauche das genaue Gegenteil. Das System der Abgaben und Umlagen auf Energiepreise müsse daher „dringend vom Kopf auf die Füße gestellt werden“. Das sei auch Voraussetzung für die angestrebte Sektorkopplung, also die zunehmende Verwendung von erneuerbarem Strom für Wärmeversorgung und Verkehr. Angesichts niedriger Öl- und Gaspreise sowie stark gestiegener Strompreise seien strombasierte Lösungen derzeit gegenüber Heizen und Fahren mit fossilen Brennstoffen klar benachteiligt.
 
Die Studie zeigt unterschiedliche Lösungsansätze auf. So könnte beispielsweise ein Teil der EEG-Umlage in den Bundeshaushalt oder in einen Fonds verlagert werden, um den Strompreis zu reduzieren. Das entlaste Stromverbraucher von Kosten für die Technologieentwicklung und EEG-Ausnahmen für die Industrie.
 
Möglich sei auch eine Überführung aller für die Energiewende relevanter Kosten bei Strom, Wärme und Verkehr in eine allgemeine Energiewendeumlage mit gleichem Belastungssatz auf alle Energieträger. Eine weitere Option bestehe darin, Abgaben auf Heizöl, Erdgas und Kraftstoffe künftig entsprechend der Klimaschädlichkeit dieser Energieträger zu erheben.
 
Anpassungsbedarf sieht die Studie auch bei den Netzentgelten. Diese müssten bundesweit gerechter verteilt werden. Keine der Optionen sei jedoch für sich alleine die ideale Lösung, es gehe insgesamt um einen guten Mix.
 
Ein Problem sei zudem, dass Abgaben und Umlagen Preissignale des Strommarkts verzerren und so effiziente Flexibilitätsangebote verhindern. Die derzeitige Abgabensystematik erschwere den bestmöglichen Ausgleich von Angebot und Nachfrage, weil die Summe von Abgaben und Umlagen auf den Strompreis die Großhandelspreise bei weitem übertreffe und zu wenig Anreiz gebe, in Zeiten von sehr niedrigen oder sogar negativen Strompreisen die Stromnachfrage zu erhöhen. Die Studie schlägt deshalb vor, die Höhe der Abgaben und Umlagen je nach Börsenstrompreis zu variieren, um so dafür zu sorgen, dass Preissignale deutlicher bei den Stromverbrauchern ankommen.
 
Graichen ist sich indes im Klaren darüber, dass die Umgestaltung des Systems von Abgaben und Umlagen auf die Energiepreise eine komplexe Aufgabe ist. Sie habe das Potenzial zur nächsten „Großbaustelle in der Energiewende“, so der Agora-Chef anlässlich der Vorstellung der Studie am 10. April.
 
Die Grundlagenstudie „Neue Preismodelle für Energie“ wurde von Agora Energiewende gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen E-Bridge, dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und der TU Clausthal erarbeitet.
 
Autor: Peter Focht