Neue Grenzwerte machen über 100 Kohlekraftwerke unrentabel

Laut einer Studie müsste aufgrund der neuen EU-Grenzwerte für Stickoxide ein Drittel der in der EU existierenden großen Kohlekraftwerke nachgerüstet oder geschlossen werden.
nach Quelle: E&M PowerNews, 08. Mai 2017
108 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 187 GW, das ist ein Drittel der in der EU existierenden großen Kohle-Kapazität müssten infolge der neuen BREF-Verordnung,die für NOX einen Grenzwert von 175 mg/m3 vorsieht, mit hohen Investitionen nachgerüstet oder stillgelegt werden. Das hat der US-Think Tank Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) in einer Studie ermittelt. Besonders betroffen seien wichtige Märkte wie Polen und führende Unternehmen wie Enel, EDF, Drax & Cez, so die Autoren. Unrentabel wäre demnach auch das EPH-Braunkohle-Kraftwerk Jänschwalde mit seinen sechs Blöcken. Das RWE-Braunkohle-Kraftwerk Neurath stelle einen „Grenzfall“ dar, heißt es in der Analyse der Schadstoff-Emissionen.
 
Deutschland hatte gegen die Verschärfung der EU-Grenzwerte, die ab 2021 gelten soll, gestimmt. Die Studienautoren erwarten eine Verteuerung der Stromproduktion in Jänschwalde um 7 bis 12 Euro/MWh, wenn die Nachrüstung innerhalb von fünf Jahren erfolgen würde. „Wir schließen daraus, dass die Jänschwalde-Blöcke keine wirtschaftliche Zukunft über 2021 hinaus haben werden“, so die Studienautoren. Sie empfehlen dem deutschen Staat, die Vereinbarung zu überdenken, EPH für zwei in die Braunkohle-Reserve überstellte Blöcke, die in den Jahren 2022 und 2023 stillgelegt werden sollen, Entschädigungen zu zahlen.
 
Schluss machen mit der „Akrobatik“ zum Erhalt der Anlagen
 
Die Studie untersucht die Situation in verschiedenen Ländern bezüglich der Schadstoff-Emissionen und -Grenzwerte wie auch der Unternehmensstrategien, darunter Deutschland, Großbritannien, Polen, Spanien und Tschechien. „Diese Regulierung wird zukünftig die fragile Wirtschaftlichkeit der Kohleverstromung in der EU gegenüber Gas und Erneuerbaren verschlechtern und in vielen Fällen zunichte machen“, resümiert IEEFA-Energiefinanzexperte und Co-Autor der Studie, Gerard Wynn. Denn die Anpassungskosten würden für diese Anlagen angesichts der Marktsituation und anderer Hindernisse untragbar, zumal die Besitzer hohe Investitionen und die technische Nachrüstung in nur vier Jahren stemmen müssten. „Je eher diese Kraftwerke schließen, desto geringer das Risiko für die Betreiber“, so Wynn.
 
Denn auch die Strategie, in alte, umweltbelastende Anlagen zu investieren, um sie mit unterstützender Regulierung von Regierungen in Betrieb zu halten, bekomme durch die neuen EU-Grenzwerte Risse, betont Co-Autor Paolo Coghe. Um „allen Sorten von Akrobatik“ zum Erhalt alter Kohlekraftwerke, die man derzeit vermehrt sehe, ein Ende zu setzen, empfehlen die Experten daher auch, mit der Politik, alte Anlagen zu subventionieren, Schluss zu machen.
 
Die Betreiber sollten sich nichts mehr vormachen, indem sie auf eine Einschränkung der Betriebsstunden oder Kapazitätsmechanismen setzen, sondern „überalterte Anlagen lieber stilllegen als weiterhin Geld in sie zu versenken“, heißt es weiter. Positiv vermerkt wird die Neuausrichtung von Engie, die jetzt stärker auf erneuerbare Energien setzt. Eine weitere Empfehlung der Studie lautet, saubere Technologien in Osteuropa stärker zu unterstützen, um die Diversifizierung der noch stark von der Kohle abhängigen Stromversorgung dort zu erleichtern.
 
Autorin: Angelika Nikionok-Ehrlich

Weitere Informationen: http://www.ieefa.org.