Einer Aufholjagd bei der digitalen Transformation steht nichts im Wege

Quelle: www.exchainge.de , 15.09.2017

Gastbeitrag:
Dr. Giovanni Prestifilippo, Geschäftsführer PSI Logistics GmbH, Berli

Digitalisierung und Vernetzung sind gegenwärtig die maßgeblichen Herausforderungen für die künftige Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Das wichtigste Instrument um sie zu bewältigen, ist die IT-Infrastruktur. Doch viele Unternehmen agieren – sei es aus Unkenntnis oder Kalkül – gerade im maßgeblichen IT-Bereich zögerlich bei der digitalen Transformation. Dabei ist es in keinem anderen Segment der Produktionssteuerung und Logistik als in der IT-Vernetzung vergleichsweise so einfach, die Infrastruktur zukunftsfähig und investitionssicher auf die Digitalisierung und die Evolutionsprozesse auszulegen, die unter den Bezeichnungen Industrie/Logistik 4.0 und Internet der Dinge (IoT) zusammengefasst werden.  

Neudeutsch klingt er ein wenig holprig, der Entwicklungspfad zur Logistik 4.0 und einer digitalen Supply Chain: Visibility, Transparency, Predictability und Adaptability. Mit den vier aufeinander aufbauenden Fähigkeiten Sichtbarkeit, Transparenz, Prognose- und (selbstlernende) Anpassungsfähigkeit charakterisiert das Forschungsinstitut für Rationalisierung (FIR) e. V. an der RWTH Aachen in einem Säulenmodell die Entwicklungsschritte und den Reifegrad einer digital vernetzten Logistik. Was mit den vier Vokabeln so kurz und knapp daherkommt, hat es in sich – und es reflektiert die herausragende Rolle der Informationstechnik bei der Realisierung einer digital vernetzten Supply Chain.   

Daten als Basis für die vertikale und horizontale Vernetzung  
Als Vorstufen für die vier Entwicklungsschritte weist das Säulenmodell Computerization und Connectivity aus. Die für die operativen Prozesse sinnvollen Automatisierungen sind abgeschlossen. Die Komponenten und Systeme verfügen über Schnittstellen, die sie mit einem Netzwerk verbinden. In das Netzwerk speisen sie die erfassten Daten ein, aus dem Netzwerk erhalten sie Aufträge.   Mit der digitalen Transformation vernetzen Unternehmen zunächst ihre vertikalen Prozess- und Wertschöpfungsketten. Die informationstechnologische Basis dafür bilden moderne Softwaresysteme. Das reicht von der Feldebene mit mobiler und Betriebs-Datenerfassung über die Steuerung der Automationskomponenten und die SCADA-Leitebene für das koordinierte Zusammenspiel der Komponenten bis hin zum Produktionsplanungs- und Steuerungssystem für die Koordination mehrerer Fertigungsschritte und schließlich dem überlagerten, strategischen IT-System zur Abbildung aller Unternehmensgeschäftsprozesse. Kurz: die Vernetzung von MDE/BDE, SPS, MFR, MES/WMS und ERP. Die Verfügbarkeit der relevanten Informationen in Gestalt digitaler Daten ermöglicht den Austausch von Informationen zwischen den Wertschöpfungsstufen, sie optimiert Geschäftsprozesse, erschließt Effizienzvorteile und neue Geschäftsmodelle. In einer umfassenden IT-Infrastruktur erfolgen Datenerfassung, die Steuerung von Prozessen, Ressourcen und Materialbedarf, Analysen, Qualitäts- und Auftragsmanagement.    

Und mehr noch: Moderne Systeme der Unternehmens- und sogar der Betriebsleit-ebene, also ERP und MES/WMS, sind auf unternehmens- beziehungsweise stand-ortübergreifenden Datenaustausch, auf eine horizontale Vernetzung in der Supply Chain ausgelegt. Serviceorientierte Architekturen (SOA) und Browser-gestützte Systemoberflächen ermöglichen unternehmensexterne Zugriffe auf Informationen des Gesamtsystems. Lieferanten und Kunden können direkt in die Geschäftsprozesse einbezogen werden. Resultat sind eine ganzheitliche Planung und koordinierte Abfolge sowie eine bedarfsgerecht getaktete Steuerung effizienter Prozesse über die gesamte Supply Chain hinweg.  

Ideal versus Realität
Die dahinterliegenden Dimensionen der Digitalisierung beschreiben die vier Entwicklungsschritte des FIR-Säulenmodells: Visibility, das „Sehen“, bezeichnet die durch Software gestützte Fähigkeit, die Fertigungsprozesse in Echtzeit verfolgen zu können. Der nächste Evolutionsschritt, Transparency, das „Verstehen“, charakterisiert die Fähigkeit, das Geschehen datenbasiert zu analysieren – zu erkennen, warum (im Positiven wie im Negativen) etwas passiert. Diese Fähigkeiten und Informationen ermöglichen den nächsten Entwicklungsschritt, Predictability, den datenbasierten Blick in die Zukunft: Was wird passieren? Die Analyse konzentrierter (logistischer) Kennzahlen erschließt belastbare Prognosen und Risikoabschätzungen. Im operativen Bereich bilden sie die Grundlage beispielsweise für ressourcenoptimierte Dispositionen und kontinuierliche Prozessoptimierung. Im strategischen Bereich legen sie das Fundament für den Auf- und Ausbau der Supply Chain, für M&A-Maßnahmen oder die Entwicklung und Gestaltung neuer und zugleich robuster Geschäftsprozesse und -modelle. Derart gewappnet wird die letzte Stufe des Entwicklungspfades einer digital vernetzten Supply Chain beschritten: Adaptability, maximale Flexibilität und Anpassungsfähigkeit durch autonome Reaktionen selbstlernender Systeme – die Grundlage zur Realisierung von Zukunftsprojekten wie dem Internet der Dinge und Industrie/Logistik 4.0.  

Soweit das Model des Ideals. Allein, das belegt der Blick in aktuelle Studien zum Thema: Wenig davon wird bislang in den Unternehmen umgesetzt. Wenn es um den wichtigsten Wirtschaftstrend Digitalisierung geht, so der Digitalverband Bitkom und das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), laufe Deutschland Gefahr, international abgehängt zu werden. Das Land schöpfe erst zehn Prozent seines digitalen Potenzials aus, konstatiert das McKinsey Global Institute (MGI) in der Studie „Das digitale Wirtschaftswunder – Wunsch oder Wirklichkeit?“ im Juli dieses Jahres. Im Hinblick auf eine geeignete IT-Infrastruktur für die digitale Transformation kommen die oft historisch gewachsenen Systeme an ihre Grenzen, mahnt die von der BVL Anfang 2017 veröffentlichte Studie „Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management“. Jedes Unternehmen sei gezwungen seine IT-Landschaft „aufzuräumen“, um den erforderlichen Datenfluss sowie echtzeitnahe Analysen überhaupt zu ermöglichen. „Nur ein ‚aufgeräumtes‘ IT-System ermöglicht eine effiziente (und prädiktive) Analyse der Bedarfe und Optimierung der Warenströme“, resümieren die Autoren   

Harmonisierung polystrukturierter Daten
Mehr als die Hälfte der Unternehmen, auch das hat die BVL-Studie ermittelt, warte bei entsprechenden Investitionen darauf, dass erprobte Lösungen für den Einsatz in der Praxis vorliegen. Doch die sind bereits vorhanden – und sie kommen aus der Logistik, aus dem Supply Chain Management. Denn qua ihrer Funktion lösen moderne Supply Chain Management Systeme, eine der wichtigsten Herausforderungen für die digitale Vernetzung: die Harmonisierung, Aufbereitung und Verarbeitung polystrukturierter Datenmassen für Analysen und Prognosen. Damit erfüllen sie die Anforderung der Prä-Adaption für die Digitalisierung und die Automatisierung autonomer Reaktionen.  

Der Funktionsumfang und die Serviceorientierte Architektur solcher Systeme bieten eine solide Basis für die Realisierung des skizzierten FIR-Entwicklungspfads zur Industrie/Logistik 4.0 und einer digitalen Supply Chain. Die Harmonisierung der Datenformate ermöglicht die Auswertung eines ganzheitlichen Datenbestandes. Auf diese Weise lassen sich gezielte Ist-Daten mit Soll- und historischen Daten abgleichen und künftig erwartete Entwicklungen, etwa bei Mengengerüsten oder Lohnkosten, in die strategischen Planungen einbeziehen. So lassen sich beispielsweise potenzielle Engpässe und Störungen der Supply Chain frühzeitig identifizieren oder Prognosen über die in der Supply Chain benötigten Transport- und Lagerressourcen treffen.   

Save the Date: Die Fachkonferenz „EXCHAiNGE – The Supply Chainers’ Conference 2017“ findet am 26. und 27. September 2017 in Frankfurt am Main statt.   Detaillierte Informationen zur EXCHAiNGE 2017 und zu den Session-Themen „Kultur zur digitalen Transformation“, „Nachhaltiges Wirtschaften“, „Open Innovation in der Supply Chain“, „Digitale Souveränität“, „Resilienz vs. Effizienz“ und „Supply Chain Best Practices“ finden Sie unter www.exchainge.de . Hier geht es zur Online-Anmeldung: www.exchainge.de / Rubrik Anmeldung   Wir freuen uns auf einen anregenden Austausch mit Ihnen auf der EXCHAiNGE 2017!    

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