Blick nach Osten

Was bayerische Unternehmen von der Start-up-Szene Israels lernen können
Quelle: Bayern Innovativ GmbH, Januar 2018

Der Journalist Godel Rosenberg ist seit 2009 Bayerns Repräsentant in Israel. Wir haben den charismatischen Israel-Experten anlässlich der Jahresauftaktveranstaltung der beiden Cluster Automotive und Neue Werkstoffe zu den Gründen für den aktuellen Erfolg des aufstrebenden Wirtschaftsstandorts in der 4.0-Welt befragt.

Bayern Innovativ:  Herr Rosenberg, was ist so besonders am Wirtschaftsstandort Israel?

Godel Rosenberg: Wenn man über Israel spricht, muss man immer auch die Geschichte und geopolitische Lage des Staates im Blick haben. Die Lage Israels als ein von feindlichen Ländern umgebenes Land hat einen Typus von Menschen hervorgebracht, der weiß, dass er unter größter Bedrohung Höchstleistungen hervorbringen muss. Israel wurde vor 70 Jahren aus dem Nichts heraus gegründet, ohne natürliche Ressourcen. Im Norden lagen Sümpfe, im Süden Wüsten. Heute hat Israel ein Bruttosozialprodukt von 350 Mill. US-Dollar. Das ist halb so groß wie das der Schweiz, die ungefähr gleich viele Einwohner hat, aber mit ihrer 800-jährigen Geschichte mitten in Europa liegt und nie einen Krieg hatte.

Bayern Innovativ: Warum ist Israel so ein guter Nährboden für die Technologieentwicklung?

Godel Rosenberg: Israel gibt vier Prozent seines Bruttosozialprodukts für Bildung aus und liegt damit mit an der Spitze in der Welt. Mehr als ein Viertel der Bürger hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Um die Sicherheit des Staates zu garantieren, werden herausragende Jugendliche bereits frühzeitig gefördert. Ein großer Prozentsatz wählt Studiengänge wie Ingenieurwissenschaften, Computer Science, Mathematik und Physik. Die gut ausgebildeten jungen Ingenieure haben ein großes Betätigungsfeld in allen Bereichen, die mit Sicherheitstechnologien zu tun haben. Und wer heute mit „Big Data“ umgehen kann, ist überall vorne dabei, denn Big Data ist heute Grundvoraussetzung für alle wichtigen Entwicklungen.

Bayern Innovativ:  Israel ist bekannt für seine Start-up-Kultur. Warum?

Godel Rosenberg: In Israel werden jedes Jahr rund 190.000 Menschen geboren und entsprechend viele strömen auf den Arbeitsmarkt. Weil der Staat Israel noch so jung ist, gibt es keine großen DAX-Konzerne und keine Mittelstandsstruktur wie in Deutschland, wo die meisten jungen Menschen Beschäftigung finden. Das in Israel nicht vorhandene soziale Netz und das Fehlen großer Konzerne treibt junge Leute an, früh selbst unternehmerisch aktiv zu werden. Das wird auch vom Staat gefördert. Wenn junge Israelis mit 25 Jahren aus dem Militärdienst kommen, und ihr theoretisches und praktisches Wissen in zivile Nutzungen einbringen, machen sie sich selbstständig oder gründen ein Start-up. Tel Aviv gehört deswegen heute zu den fünf wichtigsten Städten der Welt für alle, die mit Hightech zu tun haben. Darauf setzen auch immer mehr ausländische Firmen. Aktuell unterhalten über 300 von ihnen R&D-Labore in Israel. Viele US-Konzerne haben ihre Forschungsabteilungen nach Israel verlegt. 2017 flossen monatlich über 450 Millionen an Investitionsgeldern aus der ganzen Welt nach Israel und es gibt wohl keinen Computer und kein Smartphone auf der Welt, in dem keine Technologie aus Israel steckt.

Bayern Innovativ: An wen können sich bayerische Unternehmer wenden, die vom israelischen Gründergeist profitieren wollen?

Godel Rosenberg: Es gibt eine ganze Reihe von Organisationen, mit denen es sich lohnt, Kontakt aufzunehmen. Erstberatungen bekommt man beispielsweise in München bei der Handelsabteilung des israelischen Generalkonsulates. Gute Einblicke in das Land und sein Cyber- und Start-up-Ecosystem bringt auch die Teilnahme an Delegationsreisen. Der Cluster Automotive hält gute Kontakte zum Israel Exportinstitute in Tel Aviv. Und außerdem können sich interessierte Unternehmen natürlich jederzeit direkt an die Bayerische Vertretung in Tel Aviv wenden!

Das Gespräch führte Christoph Kirsch.

Informationen zu den derzeit 20 Repräsentanzen Bayerns im Ausland finden sich hier:

https://www.stmwi.bayern.de/internationalisierung/aktiv-im-ausland/auslandsrepraesentanzen/

Hintergrund

Israel ist ein kleines Land mit 8,5 Mio. Einwohnern und einer Fläche von 20.000 Quadratkilometern Fläche, was in etwa der Fläche Hessens entspricht. Mit einem BIP von 312 Mrd. US-Dollar im Jahr 2016 gehört Israel zu den 40 größten Volkswirtschaften weltweit. 2016 betrug das Wachstum 3,8 %. Israel ist als kleine und offene Wirtschaft stark durch die Weltwirtschaft beeinflussbar. Der beschränkte Binnenmarkt und der fehlende Zugang zu den Märkten in der Region sind verantwortlich für eine starke Exportorientierung. Seit etwa 20 Jahren gilt Israel als Hightech- und Start-up-Land. Dem modernen Dienstleistungs- und Hightech-orientierten Zentrum des Landes mit den Ballungsgebieten Tel Aviv, Haifa und Jerusalem mit namhaften, weltweit agierenden Unternehmen steht eine Peripherie im Norden und Süden gegenüber. Bedeutende Wirtschaftszweige sind IT/Software, Chemie, Verteidigung/Sicherheit, Pharma, erneuerbare Energien, Life Sciences und Biotech. Im globalen „Ease of doing business in …“-Bericht der Weltbankgruppe liegt Israel auf Rang 52 von 189 Staaten. Im globalen Wettbewerbsindex der World Economic Forum liegt Israel auf Rang 24 von 148 Ländern. Viele Konzerne entsenden Technologie-Scouts oder errichten dort Forschungseinheiten. Weltweit Spitzenausgaben für F&E: 4,25% (gemessen am BIP). Ansatzpunkte für die bayerisch-israelischen Wirtschaftsbeziehungen sind insbesondere: Digitalisierung (IKT im Besonderen und branchenübergreifend), IT-Security, Medizintechnik/Biotechnik, Luft- und Raumfahrt und Umwelttechnik. Besonders innovative Lösungen israelischer Firmen, u.a. Start-ups, sind für bayerische Mittelständler und Großunternehmen von Interesse.

(Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie)

Der Cluster Automotive unterstützt bayerische Automobilzulieferer aktiv bei der Netzwerkarbeit. Bei einer im November 2016 vom Bayerischen Wirtschaftsministerium mit Unterstützung durch den Cluster Automotive organisierten Delegationsreise konnten die Teilnehmer nachhaltige Kontakte zu israelischen Unternehmen und relevanten Forschungseinrichtungen aus den Bereichen Autonomous Driving, Connected Cars, Cybersecurity, Software Solutions und Production 4.0 knüpfen. Daraus sind mehrere konkrete Kooperationen entstanden.