Allgäu testet Ökostromhandel via Blockchain

Mit einem dreijährigen Forschungsvorhaben will das Allgäuer Überlandwerk zusammen mit Partnern einen regenerativen Stromhandel in der Region erproben.
nach Quelle: E&M powernews, 01.03.2018

 

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Die Vorbereitungen für das Blockchainpilotprojekt des Allgäuer Überlandwerkes (AÜW) laufen auf Hochtouren. „Im Mai oder Juni soll der Lieferbetrieb aufgenommen werden“, skizziert Projektleiter Christian Ziegler den Zeitplan.

Bei dem Pilotvorhaben ist eine Handelsplattform vorgesehen, die drei private Solaranlagenbetreiber und zwei Haushaltskunden zusammenbringen soll. Für dieses Vorhaben nutzt der Regionalversorger mit Sitz in Kempten einen vom New Yorker Start-up-Unternehmen LO3 Energy entwickelten Smart Meter, der Teil der Blockchain ist. LO3 ist das Unternehmen, das das im vorletzten Jahr gestartete und mittlerweile weltweit in vielen Medien dargestellte „Brooklyn Microgrid“-Projekt initiiert hat.

Die Allgäuer setzen mit LO3 Energy auf den sogenannten Proof-of-Stake-Konsensalgorithmus, der anders als beim Proof-of-Work-Prinzip von Bitcoin keine physische Rechenpower benötigt. „Vergeudung von Energie ist bei uns also kein Thema“, sagt Christian Ziegler.

Dank einer auf den Smart Meter zugeschnittenen App werden die Teilnehmer des Pilotvorhabens in der Lage sein, auf der Plattform untereinander mit Strom zu handeln. Dabei sollen dieKunden einen Strommix festlegen können, der rein aus lokalen Ökokraftwerken erzeugt wird.

Der Trend gehe zu Plattformen, auf denen Konsumenten und Prosumer untereinander ihre Energie handeln. Besonders in ländlichen Regionen wie dem Allgäu sei diese Entwicklung nicht aufzuhalten, sagt AÜW-Geschäftsführer Michael Lucke, „dann attackieren wir lieber das eigene Geschäftsmodell mit Strom von hier, bevor es andere tun“.

AÜW erweitert laut Lucke „sein Rollenverständnis“ um die des Plattformbetreibers und behalte auch weiterhin die des Versorgers. Für die Handelsplattform werde der Regionalversorger weiterhin den Reststrom liefern, der nicht durch den Peer-to-Peer-Handel abgedeckt werden könne.

Bei der AÜW firmiert das Pilotvorhaben hausintern unter dem Schlagwort „Schnellboot“. Quasi einer Fregatte gleicht das zweite Forschungsvorhaben, das die Allgäuer mit diversen Partnern zum 1. März für drei Jahre starten. „Wir wollen den regenerativen Stromhandel via Blockchain auf weitere Teilnehmer in unserem gesamten Netzgebiet ausweiten“, sagt AÜW-Mann Ziegler, „ es wird dabei interessant sein zu sehen, welchen Einfluss die Blockchain-Technologie auf das Verteilnetz der Allgäu Netz haben wird.“ Mit diesem regionalen Peer-to-Peer-Handel sollen auch die Möglichkeiten für Kosteneinsparungen oder eine Anpassung des künftigen Netzausbaus in der Region überprüft werden.

Zu den Partnern beim sogenannten Pebbles-Projekt, das mit Geldern aus dem Bundeswirtschaftsministerium gefördert wird, zählen neben dem regionalen Energieversorger AÜW der Netzbetreiber Allgäu Netz, die Hochschule Kempten, der Siemens-Konzern sowie das Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik.

Die Blockchain-Technologie wird bei Pebbles für die Zertifizierung der Erzeugung eingesetzt. „Wir können so jede produzierte Kilowattstunde zertifizieren“, sagt Projektleiter Ziegler. Geprüft werden soll zudem, ob die Blockchain-Tools auch für die Abrechnung eingesetzt werden können. „Neben dem technischen Ablauf interessiert uns auch die Frage, ob und wo es dabei möglicherweise rechtliche Grenzen gibt“, so Ziegler.

Nach seinen Worten werden Erfahrungen aus dem „Schnellboot“-Projekt „selbstverständlich“ auch für Pebbles genutzt. Wie ohnehin das AÜW auf die Ergebnisse aus früheren Forschungsvorhaben zurückgreifen kann. „Wir nutzen beispielsweise für das Blockchain-Pilotvorhaben die Erfahrungen aus dem Projekt Iren 2, das wir bereits für andere Projekte in Kemptens Nachbarkommune Wildpoldsried aufgebaut haben“, sagt Ziegler.

Wie bei den bisherigen Forschungsvorhaben dürfte dem Allgäuer Überlandwerk mit dem Allgäu Microgrid alias „Schnellboot“ und Pebbles wieder eine bundesweite Aufmerksamkeit gewiss sein.

Autor: Ralf Köpke