Wege zur Wärmewende

Sollen die Klimaziele erreicht werden, geht es nicht ohne Wärmewende. Doch mit welchem Instrumentarium erreicht man sie?
nach Quelle: E&M PowerNews, 5. Oktober 2016

Eine Meta-Analyese hat Empfehlungen aus 15 Studien untersucht.

Die Ziele sind im Energiekonzept der Bundesregierung von 2010 wie auch im Erneuerbare-Energie-Wärmegesetz (EEWärmeG) formuliert: Verdoppelung der Gebäudesanierungsrate auf 2 %/Jahr, Senkung des Raumwärmebedarfs im Gebäudebestand um 20 % bis 2020 und um 80 % bis 2050 (gegenüber 2008), 14 % Erneuerbaren-Anteil am Wärme-Endenergiebedarf bis 2020 sowie Steigerung des Anteils der Stromerzeugung aus KWK auf 25 % oder 110 Mrd. kWh bis 2020 – „was aber nur etwa 20 Prozent bedeutet“, sagt Bernd Wenzel vom Institut für nachhaltige Energie- und Ressourcennutzung (INER) in Berlin. Er hat, zusammen mit Projektleiterin Claudia Kunz von der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE) die Meta-Analyse im Rahmen des „Forschungsradar Energiewende“ erstellt.

Komplexität macht Probleme

Aus den Handlungsempfehlungen der untersuchten Studien ergibt sich, dass es ein großes technisches Potenzial zur Realisierung der Wärmewende gibt. Doch ist das Ganze schwierig durch die Komplexität des Sektors wie auch durch die unterschiedlichen Interessen der Akteure. Ein mit rund 60 % hoher Mieteranteil in Deutschland, Abhängigkeit der Wirtschaftlichkeit von energetischen Sanierungsmaßnahmen von den Öl- und Gaspreisen, lange Investitionszyklen von 25 bis 50 Jahren für Gebäude und Heizungsanlagen wie auch Mängel in der Umsetzung stellen weitere Herausforderungen dar. Dazu kommt, dass die eher unverbindlichen und unzureichend mit Instrumenten und Maßnahmen unterlegten politischen Zielsetzungen wenig Effekte zeigten, wie Wenzel erläutert. Er bemängelt auch, dass es für den Zeitraum nach 2020 keine konkreten Zwischenziele gibt.

Die Handlungs-Maßnahmen sind in vier Kategorien einzuordnen: ökonomische, wie Steuern und Abgaben sowie Förderung, ordnungsrechtliche Instrumente wie Gesetze und Normen, planerische, wie etwa Kommunalplanung sowie „weiche“ Instrumente wie Information und Beratung. „Ordnungsrechtliche und ökonomische Instrumente gehören zusammen“, betont Wenzel. In den Studien werden eine Reihe von Maßnahmen für die Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Gebäudesanierung und den Einsatz erneuerbarer Energien in der Wärmeversorgung empfohlen. Dazu gehören die Flexibilisierung der KWK, die Förderung von erneuerbaren Energien und Wärmenetzen, die Verteuerung des Einsatzes fossiler Energien, zum Beispiel durch Energiesteuern und den Abbau von Subventionen, die Steuerbefreiung der energetischen Gebäudesanierung wie auch die Verstetigung von Förderung und Anreize durch Investitionsprogramme.

Zusammenarbeit der Gewerke muss verbessert werden

Zu den ordnungsrechtlichen Instrumenten gehören die energetischen Standards wie höhere EnEV-Anforderungen, die Harmonisierung von Normen, die Verkürzung von Austauschfristen für Heizungen wie auch die Schaffung eines Regulierungsrahmens für Wärmenetze und die Verbesserung der Mieterposition bei Gebäudesanierungen. Zudem sollte ein messbarer und vergleichbarer Gebäudeeffizienz-Kennwert eingeführt werden. Nicht vernachlässigbar sind auch die planerischen und „weichen“ Instrumente. Dazu gehören kommunale Wärme-Versorgungspläne und Bauleitplanung, Sanierungsfahrpläne und energetisches Monitoring. „Dringend verbessert werden muss auch die Zusammenarbeit der verschiedenen Gewerke“, unterstreicht Wenzel. Pilotprojekte hätten gezeigt, dass es zwei bis drei Jahre dauern könne, bis etwa Planer, Architekten, Bauleute, Techniker und Installateure ordentlich kooperierten.

„Die Dynamik bei Gebäudeeffizienzmaßnahmen und Nutzung erneuerbarer Energien im Wärmebereich muss deutlich erhöht werden. Die Komplexität erfordert eine gut auf die Akteure abgestimmte Strategie“, lautet das Fazit Wenzels.

55 % weniger Wärmeverbrauch möglich

Doch wie groß ist eigentlich das Potenzial für Effizienzsteigerungen und Erneuerbaren-Einsatz im Wärmesektor? Dies hat Prognos zusammen mit anderen Instituten in einer Studie für das Bundeswirtschaftsministerium untersucht, die als Grundlage der „Effizienzstrategie Gebäude“ diente. „Effizienz und Erneuerbare - beides muss zusammen betrachtet werden“, erläutert Projektleiter Nils Thamling. Klar sei, dass der Wärme-Endenergieverbrauch nie auf Null sinken könne. Die Experten halten eine Reduktion um 55 % für möglich, in Abhängigkeit der Verbrauchsminderung müsste dann auch der – mit vertretbarem finanziellen Aufwand - Einsatz erneuerbarer Energien sein und dürfte zwischen 40 und 60 % liegen. „Klar ist, dass das Ziel von 14 % bis 2020 nur der Anfang sein kann“, so Thamling. Denn die Dekarbonisierung geht nicht ohne einen wesentlichen Anteil erneuerbarer Energien.

„Ein Großteil der Dekarbonisierung wird über die Elektrifizierung gehen“, meint der Prognos-Experte. Windkraft und Photovoltaik müssten dafür massiv ausgebaut werden. Dabei erwarte man im Wärmesektor gar keinen Anstieg des Stromverbrauchs, denn „bereits heute gehen rund 120 Terawattstunden Strom in die Wärme“, wie AEE-Projektleiterin Claudia Kunz berichtet. Und hier werde es in der Zukunft Effizienzsteigerungen geben.

Beim Zusammenspiel von Strom und Wärme in der Sektorkopplung werden Biogas, Solarthermie und Wärmepumpen wie auch KWK eine Rolle spielen. Bei Biomasse sei das Potenzial begrenzt, „wir hätten Immissionsschutzprobleme, wenn wir viel Biomasse einsetzen“, verdeutlicht Thamling. Wärmepumpen hätten einen hohen Platzbedarf. Daher sieht er für die Städte Wärmenetze als beste Option. „Der Vorteil ist, dass es hier viele verschiedene Einspeiser geben kann.“
 
 
Weitere Informationen:
www.unendlich-viel-energie.de