Netzbetreiber werden zu Versicherern

Ralf Christian ist CEO der Division „Energy Management“ bei Siemens. Er erklärt, warum Stadtwerke weiterhin gute Chancen am Markt haben − auch mit Hilfe von Big Data.
Nach Quelle: E&M Powernews, 18. November 2016

Die Botschaft von Ralf Christian an die Stadtwerke respektive Verteilnetzbetreiber ist simpel. Das Geschäftsmodell über den reinen Stromabsatz Geld zu verdienen ist passe. Die Stadtwerke müssen sich zu Dienstleistern entwickeln, die den Kunden vor allem eine sichere Stromversorgung anbieten – und sich diesen Service bezahlen lassen. „Ich sehe Stadtwerke in diesem Zusammenhang künftig eher als eine Art Versicherungsunternehmen“, sagte Christian am Rande der European Utility Week in Barcelona. Er ist bei Siemens Leiter der Division Energy Management und steht damit in der Hierarchie gleich unter dem siebenköpfigen AG-Vorstand.

Der Weg zu Dezentralisierung und Eigenversorgung der Stromkunden ist vorgezeichnet, den Netzbetreibern bleibt dabei eine wichtige Rolle zugedacht, so Christian. „57 Prozent der Stromkunden können sich eine Eigenversorgung durchaus vorstellen“, aber sie würden trotzdem mit dem Stromnetz verbunden bleiben. Denn sich komplett autark von der allgemeinen Stromversorgung zu machen, ist ein teuerer Spaß. Ein Spaß, den sich wohl die wenigsten Hausbesitzer leisten werden. 25 000 bis 30 000 Euro, rechnete Christian vor, koste grob überschlagen die Kappung eines Hauses vom Stromnetz. Der Besitzer müsse ordentlich investieren, damit seine Immobile an 365 Tagen Strom hat, ob Sommer, ob Winter, bei 35 Grad plus oder 20 Grad minus. Mit einer Photovoltaikanlage allein ist es nicht getan. Er benötigt zudem einen großen Batteriespeicher, der ein paar Tage durchhält und für Notzeiten wohl auch noch ein Dieselaggregat, inklusive Tank für den Sprit. „Da hängt eine Menge dran.“

Netzanschluss vergleichbar mit einer Hausratversicherung

Die wenigsten Hausbesitzer wollen das. Sie wollen durchaus ihren eigenen Strom erzeugen, aber im Bedarfsfall die Absicherung aus dem Netz haben. Christian wählte den schönen Vergleich des Hausbesitzers, der einen Garten hat. Dieser kann dort sein eigenes Gemüse anbauen und sich obendrein ein Huhn halten. Gleichwohl nutzt er den Supermarkt um die Ecke, wenn er Zuhause etwas nicht mehr vorrätig hat.
Aber es gibt ein anderes Problem. In Zeiten steigender Eigenversorgung funktioniert das herkömmliche Modell „Verbrauch“ als Gewinnbringer für die Stadtwerke nicht mehr. Die Finanzierung durch den Stromabsatz und die Durchleitung sei heute noch Standard, aber das werde sich ändern, so Christian. Die Stadtwerke werden sich zu einem Versicherer entwickeln, der einspringt, wenn der Stromkunde nicht mehr weiter weiß. Er verglich das mit einer Hausratsversicherung: Auch diese werde nur im Notfall gebraucht – aber man ist froh, dass man sie hat.

Die Stadtwerke sieht er in der neuen Energiewelt gut aufgestellt. Sie hätten das Know-how und die Erfahrung, sagt Christian. Durch die Dezentralisierung würden beispielsweise vermehrt Microgrids entstehen, die gemanagt werden müssen. Die Netzbetreiber könnten als Vermittler zwischen den verschiedenen Playern fungieren, Angebot und Nachfrage zusammenführen und sich um den Unterhalt und die Finanzierung des Netzes kümmern. Von neuen Anbietern am Energiemarkt dürfte wenig Gefahr drohen. „Denn wer gibt die Stromversorgung schon einem Start-up in die Hand?“

Big Data und der menschliche Körper

Ein weiterer Trend ist die vollelektrifizierten Gesellschaft, einschließlich der Mobilität. In 30 Jahren könnten bereits große Teile der Welt ausschließlich elektrisch betrieben werden. Christian sprach von einer „fully electric world.“ Schon heute sei es versorgungstechnisch in vielen Ländern möglich, dies gesamte spritbetriebene Fahrzeugflotte auf E-Autos umzustellen, ohne dafür ein neues Kraftwerk zu bauen. Die Herausforderung ist, die Ladespitzen in den Griff zu bekommen. Wenn alle E-Autobesitzer nach der Arbeit zu Hause ihr Auto aufladen, kommt das Netz schnell an seine Grenzen. Hier seien neue Ideen gefragt, wie beispielsweise variable Tarife, die das Laden eines E-Autos auch um Mitternacht attraktiv machen, so Christian. Auch dadurch böten sich für Stadtwerke neue Chancen.

Neue Chancen bietet auch das Thema Big Data. Aktuell sind die Möglichkeiten dafür noch übersichtlich. „Big Data braucht eine große Zahl an Daten über Jahre hinweg“, so der Siemens-Manager. Er erklärte Big Data anhand von Untersuchungen am menschlichen Körper. Bislang lassen viele Menschen ihren Körper in regelmäßigen Zeiträumen vom Hausarzt Arzt durchchecken. Dies sei allerdings nur eine Momentaufnahme. Ein anderes Bild ergebe sich aber, wenn – wie bei einem Smart Meter – alle 15 Minuten wichtige Körperfunktionen gemessen würden und das über Jahre hinweg. Ein Arzt könnte sofort regieren, wenn ungewöhnliche Werte auftreten, zudem könnten bei der Beobachtung über einen längeren Zeitraum auch Rückschlüsse auf andere Auffälligkeiten gezogen werden.

Vergleichbares sei künftig auch in der Energiewirtschaft möglich, so der CEO. Über einen längeren Zeitraum eingesammelte Verbrauchsdaten könnten einem Netzbetreiber helfen, seinen Kunden besser kennenzulernen. Die Weitergabe von anonymisierten Metadaten an Dritte eröffne neue Geschäftsfelder. „Da könnten Businessmodelle nicht nur für Stadtwerke entstehen“, sagte Christian. Für junge, findige Start-ups könnte sich hier eine Spielwiese auftun. Wichtig seien dabei aber Fragen der Regulierung und des Datenschutzes.

Autor: Stefan Sagmeister