Kohleausstieg muss spätestens 2019 beginnen

Der Kohleausstieg in Deutschland muss bis 2035 vollzogen sein, wenn Deutschland sein CO2-Budget zur Erreichung des globalen Klimaziels einhalten will. Eine Studie zeigt den Weg dahin.
nach Quelle: E&M PowerNews, 17. Januar 2017

Vom Ziel her denken“, das ist der neue Ansatz in der Studie „Zukunft Stromsystem. Kohleausstieg 2035 – Vom Ziel her denken“, die Öko-Institut und Prognos im Auftrag des WWF erstellt und am 17. Januar in Berlin präsentiert haben. Das Ziel heißt seit der Pariser Klimakonferenz, die Erderwärmung deutlich unter 2°C zu halten. Dafür, so hat der Weltklimarat IPCC errechnet, dürfen global bis 2050 nur noch 890 Mrd. t CO2 ausgestoßen werden. „Nicht der jährliche Ausstoß ist so wichtig, sondern die Gesamtmenge an CO2, weil das CO2 in der Atmosphäre bleibt“, erläutert WWF-Vorstand Christoph Heinrich.

Wie sollte ein fairer Anteil Deutschlands an diesem Emissionsbudget aussehen? Die Studienautoren haben dafür ein CO2-Budget von maximal 10 Mrd. t ermittelt. Weil der Stromsektor mit 40 % Anteil am deutschen CO2-Ausstoß der größte Emittent ist, verbleiben ihm rund 4 Mrd. t CO2. Für 80 % der Emissionen im Stromsektor ist die Kohleverstromung verantwortlich. „Deshalb ist der wichtigste Beitrag zur Dekarbonisierung der Kohleausstieg“, betont Heinrich.

Höherer Ausbaupfad für Erneuerbare

Die Zeit drängt: 2015 betrug die CO2-Ausstoß im Stromsektor 352 Mio. t. „Die 4 Mrd. t vermindern sich allein durch die CO2-Emissionen 2015 und 2016 schon um 700 Mio. t – wir können nicht mehr lange warten“, sagt Co-Autor Felix Matthes vom Öko-Institut. Auf 140 Seiten haben die Experten Strategien und Instrumente untersucht, wie die Dekarbonisierung umgesetzt werden könnte, verschiedene Szenarien betrachtet und ein „Transformationsszenario“ entwickelt.

Dieses besteht aus insgesamt acht zentralen Strategieelementen. Wesentlich ist, dass ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien erfolgt. Bis 2025 sollten demnach 295 Mrd. kWh regenerativer Erzeugung erreicht werden, das sind 20 Mrd. kWh mehr als nach dem EEG 2017 vorgesehen. Bis 2035 wird eine Steigerung um 25 % für notwendig erachtet, auf dann 425 Mrd. kWh Ökostrom (statt 340 kWh nach EEG 2017). „Man sollte zu dem Ausbaupfaden des EEG 2014 zurückkehren“, sagt Matthes.

Laufzeitbeschränkung für Kohlekraftwerke auf 30 Jahre

Des weiteren soll es eine generelle Laufzeitbeschränkung auf 30 Jahre für Kohlemeiler geben. Von 2019 an bis zum Jahr 2025 sollten sukzessive alle über 30 Jahre alten Kohlekraftwerke stillgelegt werden. Dies erscheint auch insofern als sinnvoll und realistisch, da der deutsche Kohlekraftwerkspark derzeit bereits zu rund der Hälfte aus Anlagen mit sehr hohen Emissionswerten besteht, die älter als 25 Jahre und damit weitgehend refinanziert sind. „Die gute Nachricht ist: Durch die schnelle Stilllegung der besonders alten und oftmals sehr dreckigen Kraftwerke bleibt den moderneren mehr Zeit. So lassen sich Strukturbrüche in den Regionen minimieren und die Kosten für die Energiewende niedrig halten“, so Heinrich.

Als Enddatum für die Kohleverstromung sollte das Jahr 2035 festgelegt werden. „Dieses Jahr ist der Wendepunkt, wo der leicht rückläufige Trend des Stromverbrauchs abgelöst wird durch einen massiven Anstieg des Verbrauchs durch die Sektorkopplung. Da sollte die Neustrukturierung des Stromsystems abgeschlossen sein“, sagt Matthes.

Grenzwert für den CO2-Ausstoß

Um eine Stetigkeit der Emissionsminderungen, Kapazitätsabbau und Strommarktwirkungen zu erreichen, wie auch Anpassungsprozesse in Unternehmen und Regionen zu erleichtern, sollte in den letzten zehn Laufzeit-Jahren der Anlagen der Betrieb durch eine Begrenzung des CO2-Austoßes auf 450 g/kWh so optimiert werden, dass die Emissionen (bei 85 % Auslastung) im Jahresdurchschnitt 3,35 t CO2 je kW Leistung nicht überschreitet. Das entspreche dem britischen „emission performance standard“, so Matthes und „es kann ordnungsrechtlich vorgegeben, oder über einen zusätzlichen Preis auf CO2-Emissionen erreicht werden, oder etwa auch durch vertragliche Vereinbarungen mit den Kraftwerksbetreibern“.

Weiteres wichtiges Strategieelement ist ein regulativer Rahmen für Braunkohle-Tagebaue: „Die Nutzung der im Boden liegenden Reserven würde 4,6 Mrd. t CO2 mehr bedeuten“, verdeutlicht Matthes. Um das Emissionsbudget von 4 Mrd. t CO2 einzuhalten, dürften nur 42 % der (vor-)genehmigten Braunkohlereserven gefördert und verbrannt werden, was 1,3 bis 1,4 Mrd. t CO2 verursachen würde. Daher sollten alle Genehmigungsverfahren für Tagebauerweiterungen gestoppt werden.

Abwarten bringt Unsicherheit

Ein Kohleausstieg bereits 2025, wie ihn die Grünen fordern, wäre nur um den Preis sehr hoher Stromimporte möglich, „oder man müsste viele Gasturbinen bauen“, sagt Co-Studienautor Frank Peter von Prognos. Mit dem Datum 2035 gewinne man Zeit auch für die Dekarbonisierung in den anderen Sektoren. Den Beginn des Kohleausstiegs jedoch noch weiter zu verschieben oder etwa erst 2030 darüber zu reden und zu warten, bis alternative Arbeitsplätze da sind, wie Bundesenergieminister Sigmar Gabriel meint, hält Matthes für „eine irre Idee“.

Er betont: „Jedes Jahr sind 350 Mio. t des CO2-Budgets weg. Wenn man nicht schnell einsteigt, wird es umso schwerer. Die Verweigerung, den Rahmen klar zu setzen, ist ein Plädoyer für maximale Unsicherheit.“ Der Ökonom verweist darauf, dass das Thema „Kohle“ ein „Megatrend“ sei: So habe etwa die EU-Kommission in ihren Vorschlägen für das Winterpaket für Reservekraftwerke einen Emissionsgrenzwert festgelegt. Und: „China hat letzte Woche 85 Genehmigungen für teils in Bau befindliche Kohlekraftwerke zurückgezogen.“

Autor: Angelika Nikionok-Ehrlich

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