Industrie hofft auf Öko-Wasserstoff

Die Beimischung von Öko-Wasserstoff für Autosprit könnte der Power-to-Gas-Erzeugung einen beispiellosen Schub geben. Fachleute sehen in Raffinerien bis 2020 ein Potenzial von 1 000 MW.
Nach Quelle: E&M Powernews, 12. Januar 2017

Darf er oder darf er nicht in den Tank, Wasserstoff aus regenerativem Strom? Das wird 2017 zeigen, denn die Bundesregierung muss Teile des Bundesimmissionsschutzgesetzes novellieren, das die Anerkennung von Biokraftstoffen regelt. Und wenn die Regierung in Berlin das will, wird grüner Wasserstoff dazugehören.

Dabei geht es um die Umsetzung einer EU-Regelung zur Treibhausgasminderung der Kraftstoffe. Jahr für Jahr steigt der Anspruch an die Umweltverträglichkeit von Benzin und Diesel. Demnach müssen die von der Mineralölindustrie in Verkehr gebrachten Kraftstoffe ab 2017 gegenüber einem definierten Referenzwert vier Prozent weniger Treibhausgase ausstoßen. Ab 2020 erhöht sich die Minderungsquote auf sechs Prozent.

Mineralölindustrie verwendet Biodiesel, Bioethanol und Reststoffe

Bisher kommt die Mineralölindustrie der Verpflichtung durch Beimischung von klassischem Biodiesel, Bioethanol und Reststoffen wie Altfetten nach. Die anstehende Novelle öffnet nun aber auch Alternativen wie grünem Wasserstoff die Tür in die Tanks.

Um den Vorgaben aus Brüssel zu genügen, muss die Bundesregierung die Novelle im nächsten Jahr verabschieden. Dabei haben die Verbände ihre Stellungnahme bereits abgegeben. "Um Wasserstoff aufzunehmen, sind unserer Auffassung nach nur wenige einfache Korrekturen an den bestehenden Verordnungsfassungen nötig", sagt Werner Diwald, Vorstandsvorsitzenderdes Deutschen Wasserstoff- und Brennstoffzellenverbandes.

"Wir hoffen auf eine positive Entscheidung bis zum kommenden Sommer. Dann könnten bis 2020 an Raffineriestandorten in Deutschland 1 000 MW an Elektrolyseleistung für die grüne Wasserstoffproduktion stehen", sagt er. Mit dieser Leistung könnte so viel Wasserstoff gewonnen werden, der ausreichen würde, ein Prozent der Treibhausgasminderungspflichten der Mineralölkonzerne zu erfüllen.

​Wasserstoff wird heute schon Diesel beigemischt

Wasserstoff wird heute schon dem Diesel beigegeben, um die Qualität des Mitteldestillats zu heben. Künftig könnte das Öko-Pendant den üblicherweise aus Erdgas gewonnenen Wasserstoff substituieren. "Ein Elektrolyseur mit 20 MW Leistung würde auf Basis von regenerativem Strom gegenüber dem konventionellen Herstellungsprozess rund 38 000 Tonnen CO2 im Jahr sparen", rechnet Tobias Mischlau vor, Leiter der Geschäftsentwicklung Energiespeicher von Uniper.

Das Energieunternehmen betreibt zwei Power-to-Gas-Pilotprojekte mit 1,5 beziehungsweise 2 MW Leistung zur Wasserstoffproduktion in Hamburg und Falkenhagen (Brandenburg). Künftig dürfte es nach Ansicht der Essener gerne mehr werden. Eine entsprechende Kooperationsvereinbarung wurde vor wenigen Wochen mit der Deutschen BP unterzeichnet. Ziel ist, am BP-Raffineriestandort in Lingen eine Power-to-Gas-Anlage für die grüne Wasserstoffproduktion zu realisieren. Dabei denkt Uniper an einen modulhaften Aufbau in 20 MW-Schritten. Auch wenn 20 MW für eine Raffinerie nicht besonders viel sei, ab dieser Größenordnung könnte das Projekt wirtschaftlich betrieben werden.
Voraussetzung sei neben der Anerkennung als Biokraftstoff auch die Vermarktung von Regelenergie mit entsprechenden Erlösen. Die Netzbetreiber könnten die Elektrolyseure direkt ansprechen und ihre Leistung nach Bedarf herauf- und herunterregeln. So würden sie als schaltbare Lasten im Markt Systemdienstleistungen erbringen können. Zudem können sie so flexibel gefahren werden, dass sie die möglichst günstigsten Strompreise nutzen. Bei 3 000 Volllaststunden seien die Elektrolyseure dann gegenüber konventionellem Biosprit wettbewerbsfähig.

Uniper und Innogy sind dran an dem Thema

Uniper ist nicht alleine. Auch Innogy arbeitet an der "Nutzung von erneuerbaren Energien zur Herstellung von Biokraftstoffen für die Industrie", wie eine Sprecherin auf E&M-Anfrage erklärte. Mehr wollte sie aber nicht verraten.

Die Kraftstoffbranche muss aber in jedem Fall gegenüber der Bundesregierung Überzeugungsarbeit leisten. Diese braucht Alternativen zu den herkömmlichen Biokraftstoffen, um die Vorgaben zur Treibhausgasminderung auch zu erreichen. Und gerade die Biokraftstoffe der ersten Generation wie Biodiesel aus Pflanzenölen sind in der Öffentlichkeit wegen Teller-Tank-Diskussionen und dem möglichen schädlichen Einfluss auf Regenwälder (bei Palm- und Sojaöl als Rohstoffe) stark umstritten. Doch das federführende Bundesministerium für Umwelt und Bau versucht insbesondere die Elektromobilität in der anstehenden Novelle zu fördern. Das Thema Wasserstoff sehe das Haus hingegen "kritisch" und eine Anerkennung sei "völlig offen", wie ein Ministeriumssprecher auf Anfrage erklärte.

Knackpunkt ist die Frage, wie sichergestellt werden kann, dass tatsächlich nur regenerativer Strom für den Wasserstoff verwendet wird. Das Ministerium plädiert für den direkten Bezug von Ökostrom, was Uniper wiederum "wenig zielführend" findet. Stattdessen schlägt das Unternehmen eine Zertifizierung vor, um im Markt alle Vorteile eines flexiblen Einsatzes des Stroms auch nutzen zu können. Einheiten von einer Viertelstunde auf Ebene des Verteilnetzes seien denkbar und machbar. Infrage kämen dann solche Verteilnetzgebiete, in denen sehr viel grüner Strom anfällt wie etwa in den nördlichen und nordöstlichen Bundesländern. Das eröffne auch den Verteilnetzbetreibern neue Geschäftsoptionen. So oder so würde der Ökostrom für die Wasserstoffproduktion aus dem EEG-System herausfallen und könnte zu einer Senkung der EEG-Umlage führen, argumentiert Uniper.

Für den Wasserstoff in ihren Power-to-Gas-Anlagen setzt die Firma grüne Herkunftsnachweise aus dem EU-Ausland ein. Dadurch wird das Medium als Biogas anerkannt. Für die Erzeugung von grünem Wasserstoff wäre das keine Lösung, weiß das Unternehmen. Ob der große Wurf mit dem Ökogas letztlich gelingt − 2017 wird es zeigen.

Nach Autor: Oliver Ristau