IEA fordert mehr Effizienzpolitik

Die Internationale Energieagentur (IEA) konstatiert in ihrem neuesten Report weltweit Fortschritte bei der Energieeffizienz. Doch mahnt sie stärkere Regierungspolitiken an.
nach Quelle: E&M PowerNews, 06. Oktober 2017


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„Es ist vor allem dem Ausbau der erneuerbaren Energien und Verbesserungen bei der Energieeffizienz zu verdanken, dass die globalen energiebedingten Treibhausgasemissionen nicht weiter angestiegen sind“, sagte IEA-Exekutivdirektor Fatih Birol bei der Vorstellung des „Energy Efficiency Market Report 2017“ im Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) in Berlin.
Trotz des Wirtschaftswachstums von 3 % habe sich in den letzten drei Jahren die Emissions-Kurve abgeflacht. „Dekarbonisierung erfordert die Integration von erneuerbaren Energien und Energieeffizienz in einem harmonisierten Politikansatz“, betont Birol.
Einen Tag zuvor hatte die IEA ihren Report zur weltweiten Entwicklung der erneuerbaren Energien vorgestellt, nach dem 2016 die Photovoltaik den größten Anteil der neu installierten Kapazität zur Stromerzeugung stellte. „Wir gehen in eine neue Ära“, konstatiert Birol: „In den kommenden fünf Jahren werden über zwei Drittel der neuen Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien kommen.“ Die beiden Bereiche seien „Zwillinge“, so Birol. – Nur dass man den einen, die Energieeffizienz nicht so deutlich sieht. Dabei, betont er, biete sie ökonomischen, ökologischen und sozialen Nutzen.
 
Starke Einsparungen bei Gasimporten
 
Das zeigt sich nicht nur bei der Vermeidung von CO2-Emissionen, sondern auch bei der finanziellen Ersparnis: So hat laut den Angaben statistisch jeder Haushalt weltweit im vergangenen Jahr 10 bis 30 % seiner Energieausgaben durch Effizienzsteigerungen eingespart. In Deutschland etwa betrug die Einsparung bei den Energiekosten (Haushalt und PKW) rund 500 Euro.
In vielen Ländern wurden durch Effizienzmaßnahmen seit dem Jahr 2000 erhebliche Energieimporte vermieden: In Europas größten Gasmärkten Deutschland und Großbritannien entsprachen die Einsparungen den Angaben zufolge fast einem Drittel (30 %) der gesamten EU-Gasimporte aus Russland. Auch die tägliche Peak-Nachfrage konnte demnach durch mehr Effizienz gesenkt werden. Deutschland habe 6 Mrd. Euro für Energieimporte eingespart, erläutert Birol.
 
Zwei Drittel des globalen Energieverbrauchs ohne Regulierung
 
Ohne die Effizienzsteigerungen seit 2000 hätte der globale Energieverbrauch 2016 um 12 % höher gelegen, so die IEA. Die globale Energieintensität sank um 1,8 %, was jedoch eine Verschlechterung gegenüber den Vorjahren bedeutet, wo die Rate (seit 2010) durchschnittlich um 2,1 % gesunken war. Aus Sicht der IEA bedarf es zusätzlicher Anstrengungen. „Dieser Nutzen, von dem wir alle profitieren, wurde insbesondere durch standardsetzende Instrumente ermöglicht“, betont Birol.
Seit dem Jahr 2016 beobachte man jedoch eine Verlangsamung bei der Implementierung neuer Maßnahmen. „Es ist von großer Bedeutung, dass Regierungen zusätzliche Maßnahmen zur Erhöhung der Effizienz des gesamten Energieverbrauchs ergreifen“, so der Exekutivdirektor. Denn nur 32 % des weltweiten Energieverbrauches unterliegen Effizienzstandards, für 68 % gibt es keine Regulierung.
 
Nicht alles den Märkten überlassen
 
„Wir sollten nicht alles den Märkten überlassen, denn dann wird die Effizienz nicht so stark wie nötig gesteigert“, betont Birol. „Wir brauchen starkes Regierungshandeln.“ Unter den Finanzinstrumenten seien ein CO2-Preis oder eine CO2-Steuer eine der Möglichkeiten, so Birol. In den Entwicklungsländern gehe es jedoch zuerst darum, die Subventionen für fossile Energien zu reduzieren.
 
Zwei Bereiche, die der IEA besondere Sorgen machen, sind der LKW-Verkehr und die Kühlung von Gebäuden. LKW sind demnach für fast 40 % des Anstiegs beim Ölverbrauch seit dem Jahr 2000 verantwortlich. „Und das wird ohne Maßnahmen bis 2050 so bleiben“, verdeutlicht Birol. Der LKW-Verkehr allein stehe damit für 15 % der globalen CO2-Emissionen. „40 Länder haben Standards für PKW, aber nur vier Länder (Kanada, Japan, USA und China) für LKW.“
 
Handlungsbedarf bei LKW-Verkehr, Gebäuden und Industrie
 
Auch für Gebäude gibt es, insbesondere in vielen stark wachsenden Ländern, keine Regulierung. 80 % der Neubauten weltweit werden in Schwellenländern errichtet. „Zwei Drittel davon ohne Effizienzstandards“, so Birol. Dabei erwartet die IEA, dass vor allem in den Staaten, wo die Effizienzpolitik am schwächsten ist, der Energiebedarf für Kühlung zukünftig am schnellsten wachsen wird.
 
„Großen Handlungsbedarf im Gebäudebereich“ sieht Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Baake aber auch in Deutschland, das in Sachen Effizienzpolitik international als führend gilt. Baake verweist dazu auf die „heftige Diskussion“, die es hierzulande über die Festlegung neuer Standards für Wohn- und Nichtwohngebäude gegeben hat. Schließlich, so betont er, sollten die Emissionen im Gebäudebereich von rund 118 Mio. t CO2/a auf 70 Mio. t gesenkt werden.
„Wir wissen, dass wir auch in Deutschland sehr viel mehr tun müssen, um unsere Ziele für 2020 zu erreichen“, räumte Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries ein. Daher habe man mit dem Prinzip „Efficiency first“ einen neuen Kompass für die nächsten Jahre festgelegt. Aktuell stellt das BMWi nach Angaben des zuständigen Abteilungsleiters Thorsten Herdan 4 Mrd. Euro/a zur Unterstützung von Effizienzmaßnahmen bereit, wovon ein Großteil in den Gebäudebereich fließt.
 
Herdan sieht allerdings auch noch „massiven Nachholbedarf“ bei Industrieanlagen. Energieexperte Hans-Joachim Ziesing nennt Zahlen: "Die Endenergieproduktivität in Deutschland ist seit dem Basisjahr 2008 bis 2016 statt, wie angepeilt, jährlich um 2,1 % nur um 1,3 % gestiegen." Unter den OECD-Ländern liege man damit keineswegs an der Spitze, sondern auf Platz 13.
 
Autorin: Angelika Nikionok-Ehrlich
 
Weitere Informationen: IEA-Reports